Menü +

Der Lebensstil

Mit dem Begriff Lebensstil bezeichnet die Persönlichkeitstheorie Alfred Adlers das einzigartige, ganzheitliche Bezugssystem, durch das das ein­zelne Individuum wirksam wird. Eingeführt wurde er von Adler erst 1926 in einem Vorwort zum Hand­buch der Individualpsychologie, auch wenn die zentralen Gedanken Ein­heitlichkeit, Einzigartigkeit, Aktivität und Zielgerichtetheit des Menschen bereits Jahre vorher entwickelt waren, mit den Worten: „Immer handelt es sich um die Erfassung des individuellen Lebensstils, der sich uns als eine formale Bewegungslinie ergibt. Wir gelangen zu ihm, wenn wir die uns bekannt gewordenen Ausdrucksformen ihres Inhalts entkleiden. Denn alle erfassbaren seelischen Phänomene sind im letzten Grund Konkretisierungen der einheitlichen Aktionslinie des Individuums.“ (Adler 1926, zit. in Wörterbuch der Individualpsychologie, 1985; 257). Zuvor benutzte Adler eine Fülle von Termini synonymer Bedeutung wie „Persönlichkeit“, „Charakter“, „Ich“, „Selbst“, „Lebensplan“, „privates Bezugssystem“, „Prototyp“. Übernommen hat Adler den Ausdruck Lebensstil sicherlich von dem Sozi­alphilosophen Max Weber (1864 bis 1920), der ihn als erster in den Sprachgebrauch der Human- und Sozialwissenschaftler hineintrug, und zwar nicht im Sinne eines „persönlichen Lebensstils“, sondern eines „öffentlichen Lebensstils“. Adler hat mit der Einführung des Begriffes Lebensstil eine gute Wahl getroffen, kommen in diesem Terminus doch die subjektivistischen und holistischen Aspekte der phänomenologischen Betrachtungsweise deutlich zum Ausdruck, die die Besonderheit der Indi­vidualpsychologie ausmachen.

 

Die Einheit der Person – der ganzheitliche Ansatz in der Indivi­dualpsychologie

Bereits die Philosophen der Antike fanden heraus, dass „das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile“. Aber erst in diesem Jahrhundert konnte sich die ganzheitliche Anschauungsweise in der abendländischen Philoso­phie behaupten und den Atomismus und den Elementarismus der „Britischen Empiristen“ (Hume, Hobbes, Hartley) in ihrer Vorrangstel­lung ablösen.

Mit Beginn dieses Jahrhunderts setzte sich in den deutschsprachigen Län­dern eine philosophische und psychologische Bewegung durch, die sich auf das aristotelische Prinzip vom „Primat des Ganzen“ zurückbesann und durch Forscher wie Wertheimer, Smuts, Lewin, Goldstein und auch Adler vertreten wurde. Adler wird als der erste bezeichnet, der den Gedanken der Ganzheitlichkeit in den Raum der Psychologie stellte. Heute finden sich von der Individualpsychologie über die Gestalttherapie bis hin zu den neuesten kybernetischen Modellen gut fundierte Ganzheits­lehren.

Im individualpsychologischen Verständnis weist alles, „was Namen hat in den verschiedenen psychologischen Schulen: Instinkt, Triebe, Gefühl, Denken, Handeln, Stellungnahme zu Lust und Unlust und endlich Eigen­liebe und Gemeinschaftsgefühl“ (Adler, 1990; 23) eine einheitliche Struktur auf, die das gesamte menschliche Verhalten durchsetzt und prägt. Alle vorstellbaren Antriebe eines Menschen – gleich welchen Ursprungs – sind unteilbar miteinander verbunden; sie werden auf eine für das jewei­lige Individuum typische Art und Weise wahrgenommen, erfahren, aufge­griffen, verarbeitet und in menschliche Tätigkeiten umgesetzt. Kognitive, physische und psychische Äußerungen eines Menschen werden dann zu verstehen und interpretieren sein, wenn der Mensch als ein solches unteil­bares Ganzes akzeptiert wird.

Alle Variablen, die sich im Verhalten eines Menschen erkennen lassen, werden unter der Perspektive der „Einheit der Person“ in Bezug gesetzt, auf eine „gemeinsame Linie gebracht und zu einem Gesamtportrait indivi­dualisierend zusammengetragen“ (Adler, 1974; 19). Aus diesem Ver­ständnis heraus ist auch der Begriff Individualpsychologie entstanden (indivisibel; lat. = unteilbar). Die Individualpsychologie ist mit Paul Roms Worten eine Wissenschaft, die „bezweckt, den Sinn, die Bedeutung konkreter wie imaginärer Verhaltensakte eines Menschen im Gesamt­zusammenhang seines Daseins zu erfassen, um sein individuelles Bewe­gungsgesetz formulieren zu können, das den Lebensstil nach sich zieht“ (Rom, 1976; 13).

Denn diese Einheitlichkeit des Menschen bezeichnet Adler als dessen Lebensstil. Alle Gedanken, Gefühle, Handlungen als auch alle anderen feststellbaren Einzelheiten und Phänomene werden folglich bei einer kon­sequent durchgeführten ganzheitlichen Betrachtungsweise des Menschen als Äußerung eines einheitlichen Lebensstils untersucht. Dabei handelt es sich bei dem Begriff Lebensstil nicht – um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen – um eine Form charakteristischer Vereinheitlichung und Gleichmachung; er beschreibt hingegen ein in der frühen Kindheit erwor­benes Grundmuster von Ansichten, die das Kind über sich selbst, die anderen Menschen und die Welt gewonnen hat, als auch grundlegende Zielsetzungen und Meinungen darüber, welche Methoden anzuwenden sind, um jene angestrebten Ziele zu erreichen.

 

Die Entwicklung des Lebensstils

Für die Herausbildung des individuellen Lebensstils sind eine Vielzahl von Bedingungen verantwortlich, die hier nur kurz skizziert werden. So ver­fügt der Mensch bereits bei seiner Geburt mit seinen angeborenen Erb­anlagen über eine Menge von Voraussetzungen, die seinen zukünftigen Lebensstil prägen: das Geschlecht, die Konstitution, die motorischen und geistigen Fähigkeiten, Temperaments-unterschiede. Zu den mannigfachen Umweltbedingungen, die Einfluss nehmen, zählen neben der familiären Atmosphäre, der Geschwisterposition, in die ein Kind hineingeboren wird, den Themen und Methoden, die in der Ursprungsfamilie einen hohen Stellenwert einnehmen, auch die gesellschaftlichen Rahmenbedin­gungen. Kompliziert wird der Begriff Lebensstil dadurch, dass mit ihm nicht nur die typische Struktur, sondern gleichermaßen die individuelle Bewegungslinie eines Menschen, also die für ihn charakteristische Lebens­dynamik, terminologiert wird. Im Verhältnis zum unübersehbaren Mate­rial des Lebens meint er damit auch eine Art Auswahlprinzip, nachdem das Kind vorgeht: das aktive und schöpferische Einschalten in die gewal­tige Vielfalt von Sinneseindrücken, die auf das Kind zu Beginn seines Lebens einstürzen als eine notwendige Bedingung, um sich orientieren zu können.

Die Individualpsychologie nimmt an – in Übereinstimmung mit allen ande­ren tiefenpsychologischen Richtungen -, dass bereits Erlebnisse und Erfah­rungen des Säuglings im kausalen Zusammenhang mit der Formulierung des Lebensstils stehen. Rainer Schmidt, ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie, definiert den Lebensstil als „ein Programm, das sich der Mensch, herausgefordert durch die Erfah­rungen mit seinem vorgefundenen sozialen Umfeld, in der frühen Kindheit bildet als seine schöpferische Antwort auf diese Herausforderung“ (Schmidt, 1980; 44). Paul Rom nennt ihn „das einzigartige System von selbst gewählten Antworten auf die Fragen, die das Leben dem Menschen vom Augenblick seiner Geburt an stellt.“ (Rom, 1976; 8). Diese frühesten Kindheits-erlebnisse werden in der Vorphase des Sprach­erwerbs über die sinnlichen Bereiche Geräusch, Gefühl, Geruch, Geschmack und Bilder interpretiert und entsprechend erwidert. „Es liegt auf der Hand, dass dieser Lebensstil mehr ein Geschöpf der Gefühle und einer privaten Logik ist, als das einer sprachlichen artikulierten Antwort – eine solche hat das Kind ja noch nicht – und schon gar nicht die einer objektiven Logik“ wendet Rainer Schmidt (Schmidt, ebd.) ein.

Adler nennt das Kind einen schlechten Interpreten. Gemeint hat er damit wohl auch die reduzierte Untersuchungsmethode, die ein Kind wählt, Ordnung und Sinn in die jeweiligen Umwelteindrücke zu bringen. Titze/Gröner sprechen hier von einem „Zwei-Schubladen-Prinzip“, nach dem das Kind zunächst vorgeht: „Denn alle Umwelteindrücke, alle Konfrontationen mit den Gegenständen der Lebenswirklichkeit lösen lediglich zwei grundlegende Arten von Gefühlen aus: entweder angenehme oder unangenehme. In der Tiefenpsy­chologie wird hier folgerichtig vom so genannten Lustprinzip gesprochen, da alles, was beim Kind Lustgefühle auslöst, von diesem intuitiv als ‚gut‘ bewertet bzw. beurteilt wird. Umgekehrt wird alles, was mit Unlust­gefühlen einhergeht, vom Kleinkind als ’schlecht‘ oder ‚böse‘ erfahren.“ (Titze/Gröner, 1989; 24). Verbrennt sich ein Kind seine Hand an einer heißen Herdplatte, schreibt es Herdplatten zunächst nur diese eine negative Eigenschaft zu, ohne andere Merkmale zu berücksichtigen.

Im weiteren Entwicklungsverlauf, wenn Abstraktionsvermögen und Sach­lichkeit als kognitive Fähigkeiten mit Beginn des Spracherwerbs, die affektiven Urteile unterstützen, erweitert sich das ursprüngliche „Zwei-Schubladen-Prinzip“ und Wahrnehmungen, Meinungen, Stellungnahmen und Handlungen werden differenzierter. Eingebunden in seine vorgefun­denen sozialen Gegebenheiten sammelt das Kind Eindrücke und Erfahrun­gen, beginnt Stellung zu beziehen, wertet, schätzt ab, entwickelt seine persönliche Auffassung von der Welt, seine Meinung über sich selbst und seine Fähigkeiten, auf seine Umwelt Einfluss zu nehmen. Nach und nach verfügt es über eine Anzahl von praktischen Erfahrungsverknüpfungen, auf die es sich, bei seinen Bemühungen sich zurechtzufinden, besinnen kann. Das schmerzhafte Erlebnis mit der heißen Herdplatte wird in der Erinnerung verblassen, insofern sich nicht ähnliche Erfahrungen häufen. Traumatische Erfahrungen beeinflussen nach individualpsychologischer Auffassung nur dann den Lebensstil, wenn sie aufgrund von Wiederholun­gen dauerhaft wirken. Diese wiederkehrenden Erlebnisse könnten dann zu einer grundsätzlichen negativen Einstellung über das Leben im allgemei­nen führen. Eine entsprechende lebensstiltypische Annahme des Kindes könnte konsequenterweise lauten: „Meine Umwelt ist gefährlich; sie besteht aus vielen schmerzhaften, unvorhersehbaren Begegnungen, denen ich schutzlos ausgeliefert bin“.

Um die vielfältigen und mit zunehmendem Alter komplizierter werdenden Wahrnehmungen und Erlebnisse fassen und ordnen zu können, werden sie in ein individuelles System – dem persönlichen Lebensstil – eingepasst. In dem Bild des Kindes wird ein gewisser Grad von innerer Dichte und Systematik geschaffen. Während einige Absichten, Bestrebungen und Methoden sich dem Kind als sinnvoll erweisen, sie beizubehalten, gar zu trainieren, so dass sie sich mit der Zeit und in stetiger Bestärkung generali­sieren und verankern, werden andere, weniger Erfolg versprechende, vernachlässigt und außer acht gelassen. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr ist es dem Kind mit seiner natürlichen Fähigkeit, seiner schöpferischen Kraft ratend und tastend gelungen, ein handlungsorientiertes Konzept zu erstel­len, das ihm zur lebenslangen Orientierung dient und im weiteren Verlauf in Beziehung zu den jeweiligen konstellativen Bedingungen lediglich feine Ausdifferenzierungen erfährt. Nur durch tief greifende Bewusstseinsände­rungen, wie sie etwa durch Beratung, Therapie und meines Erachtens auch durch Supervision eingeleitet und begleitet werden können, gelingt eine Beeinflussung des ausgeformten Lebensstils.

 

Die finale Betrachtungsweise

Angedeutet hat sich im Vorangegangenen eine weitere Spezifik der Indivi­dualpsychologie: der Gedanke einer finalen Ausrichtung des Lebensstils. Im Unterschied zur Psychoanalyse Freuds, die menschliches Handeln auf der Basis einer kausalen Psychodynamik begreift, bei der Ursachen und Anlässe das Individuum zum jeweiligen Handeln motivieren und antrei­ben und die mit der Frage nach dem „Warum?“ eben diese Ursachen erforschen will, setzt die Individualpsychologie bei einer finalen Betrach­tungsweise der Psychodynamik an: „Wir können uns ein Seelenleben nicht vorstellen ohne ein Ziel, zu dem hin die Bewegung, die Dynamik, die im Seelenleben enthalten ist, abrollt“ (Adler, 1976; 3). Adler beobachtete, dass alle menschlichen Verhaltensweisen, Stellungnahmen und Handlungen einem individuellen Persönlichkeitsideal entspringen. Dieses Ideal ist als ein erdachtes, subjektives Ziel – als eine Fiktion- und gleichwohl als ein unbewusstes Ziel zu verstehen. Adler bezeichnet hiermit Scheinbilder oder ersonnene Leitbilder, die das Kind sich in der Auseinander-setzung mit sei­ner sozialen Umgebung schafft. Das Anstreben dieses Zieles wird als die vorherrschende treibende Kraft des Menschen angenommen.

„Im Inneren eines jeden Menschen existiert die Vorstellung eines fiktiven Zieles oder Ideals, das darauf gerichtet ist, über einen gegenwärtigen Zustand hinaus zu kommen und die gegenwärtigen Schwächen und Schwierigkeiten durch die Aufstellung eines konkreten Zieles zu überwin­den“ (Adler 1929, hier zit. in Ansbacher, 1975; 110). Das Persönlichkeitsideal ist demnach ein imaginäres Ziel, ein Status der Sicherheit, bei dem all diejenigen Ängste, Schmerzen, Entbehrungen, Bedürftigkeiten und Zwangslagen überstanden sind, die die derzeitige Situation des Individu­ums charakterisieren. Es wirkt infolgedessen im Sinne einer selbstgewähl­ten Ursache. Denn es leitet den Lebensstil, und somit wird der Lebensstil geprägt durch das Ziel, das der Mensch anstrebt.

Paul Rom kommentiert: „Ursachen, die hinter uns liegen, können allein unser Verhalten nicht bewirken. Vielmehr wird das Ziel vor uns, das uns lockt, zu einer neuen entscheidenden Ursache und bestimmt nun alles, was wir fühlen, denken und tun“ (Rom 1976; 8). An dieser Schnittstelle wird der kausale-finale Ansatz Adlers deutlich.

Mit der Akzentuierung der Zielgerichtetheit und Zweckgebundenheit menschlichen Verhaltens hat Adler eine neue Orientierung in der Psycho­logie geboten. Titze bezeichnet Adler „als Überwinder des Kausalitäts­dogmas im Bereich der Psychotherapie“ (Titze, 1979; 34). Adler klam­mert den kausalen Aspekt nicht aus, verlagert aber entschieden seine Wirksamkeit: „… die Bedeutung der Kausalität (ist) für das Verständnis des seelischen Geschehens soweit eingeschränkt, dass wir sie wohl voraus­setzen, dass wir sie aber als ungenügend erkennen bezüglich der Aufhel­lung eines seelischen Rätsels und gar zur Vorhersage einer seelischen Stellungnahme“ (Adler 1923, zit. in Ansbacher, 1975; 103).

Adler lehnt „… die Verabsolutierung streng kausal-analytischer Schlüsse von einzelnen Ursachen auf bestimmte Wirkungen ab …“ (Antoch, 1981; 24). Für ihn ist der finale Aspekt die Wurzel des einheitlichen Lebensstils eines Menschen. Einflüsse, denen ein Mensch ausgesetzt ist, begründen zwar seine augen­blickliche Einstellung und Intention, werden in der Individualpsychologie aber nicht als determinierende Ursache akzeptiert. Sich ähnelnde kausale Bedingungen werden jeweils individuell interpretiert und können zu unter­schiedlichen Schlussfolgerungen und Zielsetzungen führen. In welcher Form sich das Individuum mit dem Gefüge der vorgefundenen Umstände auseinandersetzt, sei es in demütigender, gefügiger Haltung oder dominie­rend und avantgardistisch, charakterisiert die individuelle schöpferische Kreativität. Erst die persönliche Stellungnahme macht die Unverwechselbarkeit, die Einmaligkeit des Lebensstils aus.

Für die Individualpsychologie liegt im sozialen Umfeld der Kindheit die kausale Herausforderung zur finalen Ausrichtung des individuellen Bewe­gungsgesetzes. Die subjektive Lage eines Kindes, die auf objektiven Bedingungen beruhen kann, schafft den dialektischen Gegenpol zum Per­sönlichkeitsideal: das sich hilflos fühlende Kind wird ein Streben nach Stärke entwickeln, ein verunsichertes Kind ein Streben nach Sicherheit, ein sich ohnmächtig fühlendes Kind ein Streben nach Macht. In einem neurotischen Lebensstil werden diese Zielpunkte Sicherheit, Macht und Stärke so ausschließlich angestrebt, dass sie zu Trugschlüssen werden.
Eine junge Assistenzärztin beschreibt ihre bisher im Leben eingenommene Position wie folgt: „Ich war bis zur Beendigung des Studiums immer die Schönste, Klügste, Beste und Liebste.“ Hinter diesem Leitbild versteckt sich die große Sehnsucht eines Menschen, in allen Lebenssituationen eine herausragende Stellung einzunehmen. Wie entmutigt muss sich ein kleines Mädchen gefühlt haben, um ein derartig verzerrtes Realitätsbild aufzu­bauen!

Das individuelle Idealbild menschlichen Strebens kann anderen überzogen, unbrauchbar, eingeschränkt, diffus und unlogisch erscheinen; dem einzel­nen dient es aber zur Absicherung seines Selbstwertes und ist in sich schlüssig. Adler spricht hier von der privaten Logik. Fehler, die in einem Lebensstil erkennbar werden, sind nach individualpsychologischer Annahme im Persönlichkeitsideal zu suchen. Sie erklären sich aus der Unerfahrenheit, Unsicherheit und der Tendenz zur Verallgemeinerung in der frühen Kindheit, in der sich der Lebensstil entwickelt.

So war Adler daran interessiert, den Menschen in seiner Bewegungslinie, in seiner Vorwärtsorientierung, in seinen angestrebten Zielvorstellungen zu verstehen: „Die wichtigste Frage des gesunden und des kranken See­lenlebens lautet nicht woher? sondern wohin? Und wenn wir das wir­kende, richtende Ziel eines Menschen kennen, dürfen wir uns anheischig machen, seine Bewegungen, die uns als individuelle Vorbereitungen gel­ten, zu verstehen“ (Adler, 1974; 236).

Adler setzt mit dem finalen Aspekt an die Stelle einer „erklärenden“ eine „verstehende“ Psychologie. Den verstehenden Ansatz konturiert er am deutlichsten in anschließender Bemerkung: „Und so erkennen wir auch, was Psychologie eigentlich ist, nämlich zu verstehen, welchen Gebrauch eine Person von ihren Eindrücken und Erfahrungen macht. Oder mit ande­ren Worten, Psychologie heißt, das Apperzeptionsschema zu verstehen, nach dem das Kind handelt und nach dem es auf Reize reagiert, zu verste­hen, was es von bestimmten Reizen hält, wie es auf sie reagiert und wie es diese Reize für seine eigenen Absichten einsetzt“ (Adler 1976; 173).

Das Ideal eines Menschen muss verstanden werden, um sein Verhalten ein­ordnen zu können. Das Bemühen um dieses Verstehen setzt voraus, dass Berater, Therapeuten und Supervisoren sich nicht nur mit der Vergangen­heit eines Ratsuchenden (Anamnese und Werdensgeschichte) und der aktu­ellen Problematik beschäftigen, sondern interessiert sind, sein Zukunftsziel zu erahnen. Denn nur aus diesem Zukunftsziel heraus ist der Lebenslauf des Individuums, seine unverwechselbare Einmaligkeit erkennbar und werden persönliche Krisensituationen verständlich.

Die erwähnte Assistenzärzten gerät in eine kritische Lage, als sie während des ärztlichen Praktikums und im ersten Assistenzjahr mit ihren trainierten Methoden die bevorzugte Stellung in ihrer neuen Umgebung nicht errei­chen kann: „Jetzt ist alles ganz anders. Mir gelingt nichts mehr. Ich bemühe mich auf allen Ebenen mein Bestes zu geben, keiner lobt mich, niemand liebt mich.“ Mit zögernder Attitüde nimmt sie ihre beruflichen Aufgaben nun wahr; unerledigte Arztberichte häufen sich; sie verspätet sich zu Dienstbeginn, fehlt immer öfter durch Erkrankung; Kritiken von Seiten der Kollegen und Vorgesetzten werden laut. Welchen Weg ein Mensch beschreitet, um seinen Selbstwert abzusichern, beruht darauf, wie überwindbar oder unüberwindbar die Spannung zwi­schen der Selbstwert-einschätzung und dem Persönlichkeitsideal ist. Durch das Scheinerlebnis einer bevorzugten Stellung gelang es der Assistenzärz­tin, ihr bisheriges Leben erträglich zu gestalten. Die neuen Herausforde­rungen aber führten zu einer Eskalation. Erscheint eine Situation unüber­brückbar, bleibt dem Menschen zur Selbstwertsicherung nur der Rückzug. Mit Hilfe einer individualpsychologisch fundierten Supervision konnte die junge Frau ihre irrtümlichen Lebensstilanteile erkennen, annehmen und korrigierend einwirken. Nach und nach gewann sie an Selbstwertgefühl hinzu und konnte ihren selbstauferlegten Rückzug aufgeben.

Allen Menschen gleich ist die Dynamik, in die sie eingebunden sind, der Spannungsbogen zwischen ihrem Selbstwertgefühl und ihrem Streben zu einem ersehnten Persönlichkeitsideal.

 

Das menschliche Streben nach Überwindung von Mangellagen

Das angeführte dynamische Prinzip menschlichen Handelns bildet den Schwerpunkt der ganzheitlichen Betrachtungsweise in der Individualpsy­chologie. Es dient als Basis der Ausdifferenzierung und Fortentwicklung der Menschheit, als Überwindung von Unsicherheiten, Unzulänglichkeiten und subjektiv erlebter Mangellagen und erklärt sich daraus, dass Adler die Natur als etwas akzeptiert, das ständig in Bewegung ist: „Leben heißt sich entwickeln“ (Adler, 1990; 163). Den Evolutionsgesetzen gehorchend, strebt alles Leben zu einem noch unbestimmten Ziel von höherer Voll­kommenheit. Dies gilt für die Menschheit in physischer, psychischer und sozialer Hinsicht.

So ordnet Adler dem Menschen ein angeborenes Streben nach Überwin­dung und persönlicher Vervollkommnung zu: „Angeboren als etwas, was dem Leben angehört, ein Streben, ein Drang, ein Sichentwickeln, ein Etwas, ohne dass man sich Leben überhaupt nicht vorstellen kann“ (Adler 1933, zit. in Ansbacher 1975; 115). Adler beschreibt jede seelische Ausdrucks­form als eine immerwährende Bewegung im Individuum mit dem Ziel, von einer Minussituation zu einer Plussituation zu gelangen, Schwierig­keiten zu überwinden, um sich „stark, überlegen und vollkom­men zu füh­len“, (ebd.). Sie hat folglich kompensatorischen Charakter.

Adler orientiert sich dabei an seiner Annahme: „Menschsein heißt, ein Minderwertigkeitsgefühl zu besitzen, das ständig nach seiner Überwindung drängt“ (Adler, 1990; 55). Das Minderwertigkeitsgefühl ist nach Adler eine der wesentlichen Gegebenheiten des menschlichen Seelenlebens; es stellt sich nicht mehr oder weniger zufällig ein, es ist der menschlichen Natur zugehörig.
Die biologische Minderwertigkeit, die sich insbesondere in der physischen Schwäche des Menschen im Verhältnis zu den gewaltigen Naturgegeben­heiten zeigt, und auch die kosmische Minderwertigkeit, die sich in der menschlichen Kleinheit und der begrenzten Existenz ausdrückt, teilen sich alle Menschen miteinander. Daraus ergibt sich eine Neigung zu Minder­wertigkeitsgefühlen.

Bei einer dritten Art von Minderwertigkeiten steht das einzelne Indivi­duum im Mittelpunkt. Es handelt sich hierbei um die sozialen Minderwer­tigkeiten. Diese beziehen sich auf Dispositionen, Schwächen, Unzuläng­lichkeiten im Leben eines Menschen, die seine Körperlichkeit und seine gesellschaftliche Situation im Blickfeld haben. Eine Vielzahl dieser Min­derwertigkeiten ist objektiv feststellbar: sei es eine angeborene Linkshän­digkeit, ein erblich bedingter Haarausfall, der Verlust des Gehörs als Organminderwertigkeiten, eine schwierige familiäre Situation oder eine belastende Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe als gesellschaftliche Minderwertigkeit.
Das Minderwertigkeitsgefühl aber ist ein subjektives Gefühl. Für seine Entwicklung und Ausprägung haben die konstitutionelle Anlage eines Kin­des und seine jeweiligen Milieueinflüsse nur eine relative, aber keine kau­sal-determinierende Bewandtnis. Ein Kind kann durch angeborene oder in der frühen Kindheit erworbene Organminderwertigkeiten beeinträchtigt sein, entscheidend für das Minderwertigkeitsgefühl jedoch ist die individu­elle Stellungnahme des Kindes zu seiner Behinderung. Fühlt es sich im Vergleich mit anderen benachteiligt, glaubt es weniger wertvoll zu sein als die anderen. Ausgeprägte Minderwertigkeitsgefühle beziehen sich also nicht unbedingt auf reale Minderwertigkeiten, ebenso wie reale Minder­wertigkeiten nicht zwangsläufig Minderwertigkeitsgefühle wecken müs­sen. Das Minderwertigkeitsgefühl nährt sich aus dem Zweifel, den der Mensch an seinem Wert hegt. Je mehr jemand dem eigenen Wert misstraut, desto größer ist sein Minderwertigkeitsgefühl und um so mehr überschätzt er die Fähigkeiten eines anderen. Wenngleich die Beobachtun­gen und Ein­schätzungen eines Menschen stimmen, wie z.B. „ich bin klei­ner als meine Mitschüler“, kann seine Schluss-folgerung, die er aus diesem Vergleich zieht, irrtümlich sein. Wahrend die angenommene Organmin­derwertigkeit lediglich von der Dominanz abweicht, interpretiert der Schüler sie als ein minderes Wertsein: „… deshalb bin ich nicht so gut wie die anderen“. Bereits die Auswahl dessen, was jemand zu einer überwin­denswerten Mangellage zählt, ist personenspezifisch. Auch die Entschei­dung, welche Strategie zur Überwindung sinnvoll erscheint, wird indivi­duell getroffen. Um im vorgenannten Beispiel zu bleiben, könnte der Schüler zur Über­windung seines Minderwertigkeitsgefühls strategisch wie folgt vorgehen: „Wenn ich schon nicht so gut bin wie die anderen, kann ich auch ihre Hilfe in Anspruch nehmen. Schließlich fühle ich mich hilf­los, und sie ver­fügen über Mittel und Wege, mich zu unterstützen“. Ebenso, welche Ver­suche als gelungen oder misslungen beurteilt werden, klärt jedes Indivi­duum für sich selbst. Der Schüler aus meinem Beispiel wähnt seine Bemühungen als erfolgreich, wenn Mitschüler und Lehrer in mitleidsvoller Geste Handreichungen machen und ihn mit Herausforderun­gen verscho­nen.

Die Individualpsychologie arbeitet mit der Hypothese, dass jeder Mensch aufgrund real existierender oder auch irrtümlich ange­nommener Mängel Minderwertigkeitsgefühle hat, die er zu kompensieren versucht. Auch wenn dies dem einzelnen nicht immer bewusst ist, erleben Außenste­hende anhand eindeutiger Signale sein beeinträchtigtes Selbst­wertgefühl:

Die kleingewachsene Stationsärztin steht angestrengt auf Zehenspitzen, während sie für die Visite die Patientenakte in den Händen hält und zusammenfassend Diagnose, Behandlung und Krankheitsverlauf des Pati­enten vorträgt. Wird sie sich ihrer Aufgabe „gewachsen“ fühlen?

Der Leiter eines Kinderheimes ist Legastheniker. Er hat sich ein Schrift­bild angewöhnt, das einzelne Buchstaben nur erraten lässt. Versucht er nicht, eventuelle Fehler zu verbergen?

Ein junger Mann, der während einer Strahlentherapie seine Haupthaare verloren hat, trägt in der Öffentlichkeit ständig einen Hut. Wird er sich nicht schützen wollen vor neugierigen Blicken und Nachfragen?

Jedes Individuum denkt, fühlt, interpretiert und handelt entsprechend sei­ner privaten Logik.
Der Heimleiter könnte denken: „Als Heimleiter dürfte ich keine Unsicher­heiten in der Rechtschreibung haben. Keiner meiner Mitarbeiter würde mich sonst ernst nehmen. Eine schlechte Schrift verzeiht man mir eher als Rechtschreibfehler. So trainiere ich ein Schriftbild, das Fehler unsichtbar macht. Dadurch habe ich meine Schwäche kaschiert und mein Gesicht gewahrt. Meine Überlegenheit, die ich kraft meiner Position innehaben sollte, wird nicht in Frage gestellt.“

Wie der einzelne in seiner Persönlichkeitsentwicklung Gefühle der Min­derwertigkeit und Unzulänglichkeit, gleichgültig, ob es sich nun um tatsächlich vorhandene oder angenommene Schwierigkeiten und Mängel handelt, kompensiert, prägt seinen Lebensstil. Ein gesunder und ein zur Krankheit disponierter Lebensstil divergieren durch das Ausmaß der dia­lektischen Spannung zwischen dem Minderwertigkeitsgefühl und dem kompensatorischen Ziel des Individuums.

 

Zusammenfassung

Einheitlichkeit und Einzigartigkeit des Individuums als wichtigste Aspekte individualpsychologischer Thesen, Zielgerichtetheit, subjektive Bestim­mung menschlichen Verhaltens und Aktivität des Individuums als die dynamische und teleologische Qualität, werden in dem Begriff Lebensstil zum Kern der Individualpsychologie determiniert.

Für meine supervisorische Tätigkeit ist mir zudem die Erkenntnis, dass der individuelle Lebensstil eines Menschen immer auch Elemente von schein­bar Widersprüchlichem einschließt, die sich dialektisch zueinander ver­halten, Herausforderung zur Synthese der Spannungen zwischen einem Minus und einem Plus darstellen, und kein Mensch ohne irrtümliche Annahmen und Handlungen lebt, von entscheidender Bedeutung.

Abschließen möchte ich diese Querschnittsbetrachtung zum Begriff Lebensstil mit einem Wort des Philosophen Senecas, das sich Adler für seine Lehre zu Eigen gemacht hat: „Omnia ad opinionem suspensa sunt” (Senecas zit. in Schmidt, 1982; 181). Die Meinung, die sich ein Mensch im Verlauf seines Lebens schöp­ferisch gestaltet, entspricht seinem Lebensstil; sein Verhalten ent­springt seiner Meinung über sich selbst, die anderen Menschen und die Welt.