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Gemeinschaftsgefühl

Gemeinschaftsgefühl – Entstehungs­geschichte und Bedeutung: Die große Wende erfuhr die Individualpsychologie nach Adlers Rückkehr aus dem 1. Weltkrieg. Beeinflusst von seinen Kriegserlebnissen wich Adler von seiner individualistischen Tiefenpsychologie, die individuelle Grundsätze wie Minderwertigkeitsgefühl, Macht- und Geltungsstreben als zentralen Untersuchungsgegenstand beinhaltete, ab und näherte sich dem humanistischen Gedankengut. Die soziale Gleichwertigkeit der Menschen wurde der Mittelpunkt seiner weiteren Arbeit; die „eiserne Logik des Zusammenlebens“ der Maßstab, an dem er menschliches Verhalten messen wollte. Das „Gemeinschaftsgefühl“ entwickelte sich zum Grundpfeiler der Individualpsychologie.

Die zweite Auflage seines Buches ÜBER DEN NERVÖSEN CHARAK­TER im Jahre 1919 leitete Adler mit folgenden Worten ein:
„Zwischen den beiden Auflagen dieses Buches liegt der Weltkrieg mit sei­nen Fortsetzungen, liegt die furchtbarste Massenneurose, zu der sich unsere neurotisch-kranke Kultur, zerfressen von ihrem Machtstreben und ihrer Prestigepolitik, entschlossen hat. Der entsetzliche Gang der Zeitereignisse bestätigt schaurig die schlichten Gedankengänge dieses Buches. Und er entschleiert sich als das dämo­nische Werk der allgemein entfesselten Herrschsucht, die das unsterbliche Gemeinschaftsgefühl der Menschheit erdrosselte oder listig missbraucht. … In unserem Sinne einen Menschen schauen und erkennen heißt: ihn den Verwirrungen seines wunden, aber ohnmächtigen Gottähnlichkeitsstreben entreißen und der unerschütterlichen Logik des Zusammenlebens geneigt zu machen, dem Gemeinschaftsgefühl.“ (Adler 1919, zit. in Rattner, Josef; 1972; 42/43).

1918 erstmalig terminologisch in Adlers politischem Aufsatz „Bolschewismus und Seelenkunde“ erfasst, erlebt das Gemeinschaftsgefühl eine wechselvolle Entwicklung. Zunächst versteht Adler das Gemein­schaftsgefühl als ein angeborenes Gegenmotiv zum Macht- und Geltungs­streben und aus einem intrapsychischen Konflikt heraus das menschliche Handeln. „Unsere Individualpsychologie hat … den Nachweis erbracht, dass die Bewegungslinie des menschlichen Strebens zunächst eine Mischung von Gemeinschaftsgefühl und Streben nach persönlicher Überlegenheit ent­springt. Beide Grundfaktoren zeigen sich als soziale Gebilde, der erste als angebo­renes, die menschliche Gemeinschaft festigend, der zweite anerzogen, als naheliegende allgemeine Verführung, die unabhängig die Gemeinschaft zu eigenem Prestige auszubeuten trachtet“ (Adler 1920, zit. in Wörterbuch der Individualpsychologie, 1985; 160).
Dieses konflikttheoretische Erklärungsmodell für menschliches Verhalten, das die Entwicklung der Individualpsychologie bis 1928 hin begleitete, ersetzte Adler durch seine Theorie von der „Einheit der Person“, die die Zusammengehörigkeit sämtlicher Funktionen menschlichen Lebens postu­liert; und das „angeborene Gemeinschaftsgefühl“ wurde „eine angeborene latente Kraft, die bewusst entwickelt werden muss, eine Kraft in der Anlage des Menschen, die ihn befähigt, sich in seiner sozial strukturierten Umwelt zu orientieren (Adler 1929, zit. in Ansbacher, 1972; 141).

In seiner weiteren Bestimmung kennzeichnet das Gemeinschaftsgefühl im Denken, Fühlen, Wollen und Handeln eine Bewegung von unten nach oben, die Adler charakterisierte als ein Streben nach Überwindung und Vervollkommnung (vgl. Kap. 2). Das Gemeinschaftsgefühl begegnet die­sem Streben mehrdimensional: Zum einen mit der Annahme, dass der Mensch Teil einer größeren Einheit ist und als dieser ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt und im Weiteren mit einer Einfühlungs- und Kooperationsfähigkeit, die immer den Nutzen für diese größere Einheit zum Ziel hat.

Alle vier Dimensionen des Gemeinschaftsgefühls sind miteinander ver­knüpft und im Zusammenhang zu betrachten.
In seiner letzten großen Schrift DER SINN DES LEBENS, 1933, noch vor Beginn der Nazizeit erschienen, resümiert Adler:
„Was in der Gegenwart auf uns lastet, stammt aus dem Mangel sozialer Durchbildung. Was in uns drängt, um auf eine höhere Stufe zu kommen, von den Fehlschlägen unseres öffentlichen Lebens und unserer Persönlich­keit frei zu werden, ist das gedrosselte Gemeinschaftsgefühl. Es lebt in uns und sucht, sich durchzusetzen, es scheint nicht stark genug zu sein, um sich trotz aller Widerstände durchzusetzen. Es besteht die berechtigte Erwartung, dass in viel späterer Zeit, wenn der Menschheit genug Zeit gelassen wird, die Kraft des Gemeinschaftsgefühls über alle äußeren Widerstände siegen wird. Dann wird der Mensch Gemeinschaftsgefühl äußern wie Atmen“ (Adler, 1990; 172).

 

Das Gemeinschaftsgefühl als angeborene latente Kraft

Die Notwendigkeit der menschlichen Gemeinschaft für die Selbsterhaltung des Menschen ist der Ursprungsgedanke Adlers für seine Annahme, dass der Mensch eine angeborene Möglichkeit zum sozialen Wesen in sich trägt.

In seinem Buch „Das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes“ weist Adler erst­malig darauf hin, „daß der Mensch als soziales Wesen zur Welt kommt, als ein Wesen, das auf Zusammenleben und Zusammenwirken mit anderen angelegt ist“ (Adler 1908, zit. in Metzger 1972; 22).
Er erklärt: „Der hohe Grad an Kooperation und der Gesellschaftskultur, die der Mensch für seine bloße Existenz braucht, verlangt ein spontanes soziales Bemühen“ (Adler 1929, zit. in Ansbacher, 1972; 141).

Entwicklungspsychologisch betrachtet, entfaltet sich das Gemeinschafts­gefühl – eng verknüpft mit der Herausbildung des Lebensstils – im Unbe­wussten, pränatal und in der frühen Kindheit. In dieser Annahme Adlers drückt sich der tiefenpsychologische Charakter des Gemeinschaftsgefühls aus. Seine individuelle Ausprägung erwirbt das Gemeinschaftsgefühl durch beeinflussende Faktoren wie der vorgeburtlichen Verbundenheit mit der Mutter, dem Geburtstrauma, der anfänglichen Symbiose mit den primären Bezugspersonen, der Loslösung und Verselbständigung des Kindes, dem Spracherwerb, der zunehmend bewussteren Stellungnahme des Kindes in den zwischenmenschlichen Beziehungen, der Annahme und Verinner­lichung sozialer Rollen. Adler betonte insbesondere die große Bedeutung, die den primären Bezugspersonen zukommt. Der Grad ihres Gemeinschaftsgefühls bestimmt entscheidend die zukünftige Bezogenheit des Kindes auf seine soziale Umwelt. In gleichem Maße weist er darauf hin, dass das Kind mit der ihm eigenen schöpferischen Kraft seine Umwelt wahrnimmt, versteht und interpretiert. Das Gemeinschaftsgefühl kann „… erst lebendig werden im sozialen Zusammenhang, freilich nur in der Weise, wie das Kind den sozialen Zusammenhang dunkel versteht. Es liegt die Entscheidung in der schöpfe­rischen Kraft des Kindes, geleitet durch die Außenwelt, durch Erzie­hungsmaßnahmen, beeinflusst durch das Erleben seines Körpers und dessen Wertung“ (Adler 1933, zit. in Ansbacher ebd., 142).

 

Das Gemeinschaftsgefühl als Gefühl der Zusammengehörigkeit

Die Entwicklung der sozialen Disposition äußert sich zunächst in dem Bewusstsein, als Mensch Teil einer größeren Einheit zu sein, mit den Mit­menschen in Verbindung zu stehen, sich dazugehörig zu fühlen und inte­griert zu sein. Im weiteren Verlauf kann sich dieses Gefühl der Verbundenheit bis hin zu einem kosmischen Gefühl ausdehnen, das dem Menschen die Möglichkeit gibt, sich in die gesamte äußere Welt einzufühlen und Stellung zu nehmen. So verstand Adler das Gemeinschaftsgefühl: „Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das Gemeinschaftsgefühl, … erstreckt sich im günstigsten Fall nicht nur auf Familienmitglieder, son­dern auf den Stamm, das Volk, auf die ganze Menschheit. Es kann sogar über diese Grenzen hinausgehen und sich dann auch auf Tiere, Pflanzen und andere leblose Gegenstände, schließlich sogar auf den Kosmos über­haupt ausbreiten“ (Adler 1927, zit. in Seidenfuß, 1985; 162).

 

Das Gemeinschaftsgefühl als Einfühlungs- und Kooperations­fähigkeit

Besonders in den Dimensionen Einfühlungs- und Kooperationsfähigkeit zeigt sich die Komplexität des Begriffes. Adler selbst sah sich außer­stande, eine endgültige Definition herauszuarbeiten und hielt fest an einer Formulierung eines englischen Autors, dessen Name mir leider bisher unbekannt blieb: „mit den Augen eines anderen sehen, mit den Ohren eines anderen hören, mit dem Herzen eines andern fühlen“ und bezeichnete diese Redewendung 1928 noch als „vorläufig zuverlässige Definition“ für sein Gemeinschaftsgefühl (Adler 1928 b, zit. in Ansba­cher, ebd.).

In diesem Zusammenhang verglich er sein Verständnis des Begriffes mit den Inhalten der Begriffe Einfühlung, Identifikation und Verstehen, die namhafte Persönlichkeiten wie Herder, Novalis, Jean Paul, Lipps, Müller-Freienfels u.a. interpretiert und als Vorgänge fundamentalen menschlichen Erlebens herausgestellt haben. Dabei klärt Adler: „Die Individualpsychologie darf als ihren Befund in Anspruch nehmen, Einfühlung und Verstehen als Tatsachen des Gemeinschaftsgefühls, des Einigseins mit dem All, hervorgehoben zu haben. Diese Identifikation geschieht immer je nach dem Grade unseres Gemeinschaftsgefühls. Identi­fizierung ist unumgänglich notwendig, um zu einem Gesellschaftsleben zu kommen“ (Adler 1928 b, zit. in Ansbacher, 1975; 143).

Alle diese Fähigkeiten bedürfen der Übung, einer Übung in Kooperation mit anderen – auf der Basis des Bewusstseins, Teil des Ganzen, der Einheit zu sein und dem Bestreben, Vor- und Nachteile dieser Kooperation als dem Leben zugehörig zu akzeptieren. Schwierigkeiten und Belastungen, die dem Individuum bei der Bewältigung seiner Lebensaufgaben erwach­sen, treten für Adler immer als Kooperationsprobleme auf.

In der Interaktion mit den Mitmenschen (Lebenspartner, Arbeitskollegen und Mitbürgern) äußern sich diese Kooperationsprobleme auf der Bezie­hungsebene genauso wie auf der Sachebene bei der Bearbeitung gemein­samer Aufgaben. Alle Auseinandersetzungen mit Situationen, die das eigene Selbstwertgefühl ins Wanken geraten lassen, werden auf der Basis von Aktivität und Gemeinschaftsgefühl ausgetragen.

Dabei kennzeichnen Sicherungsverhalten und Risikobereitschaft die beiden Pole menschlicher Aktivität. Unter Sicherungsverhalten werden diejenigen Methoden menschlichen Handelns verstanden, die das beeinträchtigte Selbstwertgefühl vor zusätz­lichen Erschütterungen schützen sollen: Abwehrmaßnahmen sämtlichen Ausmaßes. Als Konsequenz ergibt sich daraus eine Haltung der „Ichhaftigkeit“ nach Künkel (1972) oder auch „Ichbezogenheit“ nach Antoch (1981). Alle nun folgenden Erfahrungen mit der Umwelt werden zu dem Wert und Unwert der eigenen Person in Beziehung gesetzt. Das beeinträchtigte Selbstwertgefühl erfährt eine Stagnation. Zur Risikobereitschaft zählt die Fähigkeit des Individuums, das beein­trächtigte Selbstwertgefühl wahr- und anzunehmen mit der Bereitschaft, eine Veränderung zu erreichen. Dazu ist es notwendig, die selbstgestellten Idealforderungen an die Situa­tion, die zur Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls geführt hat, zurück­zunehmen und sich einer erneuten Auseinandersetzung zu stellen.
Diese Haltung nennt Künkel (ebd.) „Sachlichkeit“, Antoch (ebd.) „Sachbezogenheit“. Wirkungsvolle Lösungsstrategien stehen hierbei in unmittelbarem Zusam­menhang mit der Fähigkeit des Individuums im Umgang mit den Anforde­rungen der jeweiligen Situation: Je mehr sich ein Individuum als dazugehörig erlebt, desto mehr traut es sich zu, den Lebensaufgaben gewachsen zu sein und umso kooperativer zeigt sich sein Verhalten.

 

Das Gemeinschaftsgefühl als allgemeiner Nutzen

Aus den beschriebenen Dimensionen Zugehörigkeitsgefühl, Einfühlung und Kooperation leitet sich das unmittelbare Ziel des Gemeinschafts­gefühls ab: der allgemeine Nutzen, der persönliche Einsatz des Individu­ums für die Einheit. Adler unterteilt seit seiner Schrift „Neurosen“ (1929, vgl. Seidenfuß, 1985; 164) menschliches Verhalten in „allgemein nützliche“ und „allgemein unnützliche Verhaltensweisen“. Im „allgemein nützlichen“ Verhalten sind die Interessen des Individuums auf die Menschheit im Allgemeinen gerichtet, während „allgemein unnütz­liches“ Verhalten sich an der persönlichen Überlegenheit des Individuums über die anderen orientiert. Auch wenn diese Kategorisierung oberflächlich den Eindruck erweckt, dass nur uneigennütziges Verhalten zur Weiterentwicklung der Menschheit beiträgt, hat Adler sie in diesem Sinne nicht eingeführt. Menschliches Verhalten aus einem entwickelten Gemeinschaftsgefühl heraus bezieht sich immer auch auf ein gegenseitiges Geben und Nehmen, letzlich „machen wir selbstverständlich das Beste aus uns selbst“ (Adler 1931, zit. in Sei­denfuß, ebd.)

An diesem Punkt wird das Gemeinschaftsgefühl auch zu einer kognitiven Funktion. Dem einzelnen Individuum wird eine Zuordnungs- und Ent­scheidungskompetenz abverlangt: welches Verhalten fällt in die Kategorie „allgemein nützlich und wertvoll“, welches in die Kategorie „allgemein unnützlich und wertlos“. Hilfestellung für diese Kategorisierung bietet Adler richtungsweisend auf ein letztendlich utopisches Ziel: das normative Ideal einer vollkommenen Gesellschaft, „… ein Streben nach einer Gesell­schaftsform, die für ewig gedacht wer­den muß, wie sie etwa gedacht wer­den könnte, wenn die Menschheit das Ziel der Vollkommenheit erreicht hat“ (Adler 1933, zit. in Seidenfuß, ebd.)

Als Annäherung an dieses Ideal ist auch Adlers Anpassungsbegriff zu sehen. Adler versteht Anpassung nicht als einen passiven Akt des Indivi­duums in Form einer unreflektierten Anpassung an das Bestehende und Erlaubte – wie er oft kritisiert wurde -, sondern analog zum Gemein­schaftsgefühl als das Ergebnis einer aktiven Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Lösungsmöglichkeiten einer Problemsituation, welches die Interessen aller daran Beteiligten optimal berücksichtigt. In diesem Sinne wird das Gemeinschaftsgefühl nicht als ein konfliktfreies Hinein­gehen in vorgefundene Bedingungen gesehen, es beinhaltet immer auch kritische Bezugnahme und Veränderung.

In Anlehnung an Evolutionstheoretiker wie Darwin und Lamarck schreibt Adler 1933 im „SINN DES LEBENS“:
„Ich spreche von aktiver Anpassung und schalte damit die Phantasien aus, die diese Anpassung sei es an die gegenwärtige Situation oder an den Tod allen Lebens geknüpft sehen. Es handelt sich vielmehr um eine Anpassung sub specie aeternitatis, weil nur jene körperliche und seelische Entwick­lung ‚richtig‘ ist, die für die äußerste Zukunft als richtig gelten darf“ (Adler, 1973; 164).
Nach diesem Überblick über die Entstehungsgeschichte des Begriffes Gemeinschaftsgefühl und seine Bedeutung, die er für Adler eingenommen hat, möchte ich einige Gedanken anschließen, mit denen sich Schüler Adlers und heute in der Therapie und Beratung tätige Individualpsycholo­gen auseinandergesetzt haben. Diese Vorgehensweise erscheint mir ins­besondere deshalb sinnvoll, da die Vielschichtigkeit des Begriffes immer wieder Ursache für Missverständnisse gewesen ist und die geführten Dis­kussionen meines Erachtens zur Verdeutlichung beitragen können.

 

Der aktuelle Stellenwert des Gemeinschaftsgefühls in der Psy­chologie

Ausgangspunkt soll eine Systematik der wesentlichen Grundzüge des Gemeinschaftsgefühls sein, die Wexberg als Mitarbeiter Adlers noch zu dessen Lebzeiten in Form gebracht hat. Adlers Thesen zum Gemein­schaftsgefühl finden sich dann in einer frühen Abhandlung über die Indi­vidualpsychologie 1928 wie folgt wieder:

„1. SACHLICHKEIT: Nur der Mitmensch ist imstande, ‚objektiv‘ zu bleiben und die eigene Person gegenüber der Sache hintenanzustellen.
2. LOGIK IM DENKEN: Folgerichtigkeit ergibt sich nur aus dem Mut, konsequent den Sachverhalten nachzugehen, ungeachtet ichhafter Vorur­teile und Wünschbarkeiten, die den Blickwinkel einengen.
3. BEREITSCHAFT ZUR LEISTUNG: Der Mitmensch ist willig, etwas für die allgemeine Wohlfahrt zu tun und durch seinen Beitrag den Bestand und die Weiterentwicklung der Gesamtheit zu gewährleisten.
4. BEREITSCHAFT ZUR HINGABE AN NATUR UND KUNST: Das Gemeinschaftsgefühl kann nicht haltmachen vor der außermenschlichen Welt und äußert sich in Verbundenheit mit dem Leben und Kosmos sowie mit den Schöpfungen der Kunst, in denen das menschliche Gefühl sich in sublimer Form darstellt.
5. VERANTWORTUNG FÜR TUN; VORSTELLUNGEN; EMPFIN­DUNGEN u.s.w.: Der Mitmensch weiß sich verantwortlich für seine Lebensgestaltung und übernimmt Verantwortung für sich und die Mensch­heit“ (Wexberg 1928, zit. in Rattner, 1972; 42).

 

Rudolf Dreikurs
Dreikurs hat sich als Schüler von Adler nach Beendigung des zweiten Weltkrieges insbesondere in Amerika um die Verbreitung und Weiterent­wicklung der Individualpsychologie verdient gemacht. In seiner Schrift „Grundbegriffe der Individualpsychologie“ (1969) teilt Dreikurs Adlers Grundgedanken, dass die menschliche Gemeinschaft für die Entwicklung des Menschen von weitreichender Bedeutung ist, uneingeschränkt und misst dem Gemeinschaftsgefühl einen eben solchen grundsätzlichen Stel­lenwert bei wie Adler selber.
Er begründet diese Bedeutung damit, dass der Säugling „zu den schutzlo­sesten Wesen, die es auf der Erde gibt“ zählt (ebd.; 17). Ohne mensch­liche Gemeinschaft wäre er nicht in der Lage zu existieren und sich in sei­ner Art weiterzuentwickeln. „Er ist von Natur aus nicht dazu fähig, sich allein im Leben zu behaupten. Er hat nicht die Mittel, die dafür anderen Geschöpfen zur Verfügung ste­hen, weder Agriffswaffen in Form eines starken Gebisses, gewaltigen Körperkräften, starken Krallen, insbesondere Schnelligkeit oder Kleinheit“ (ebd.; 17).

So führt Dreikurs das menschliche Zusammenleben als eine zwingende Notwendigkeit an, eine Notwendigkeit, die gegenseitige Hilfeleistung und Arbeitsteilung und damit menschliches Dasein erst ermöglicht. Auch er sieht in dem Gemeinschaftsgefühl eine „angeborene Möglichkeit“ im Menschen, die entfaltet werden muss, um nicht zu verkümmern (ebd.; 24). Es sei keine konstante Größe, sondern variiert je nach der Beziehung, die das Individuum zu seinen jeweiligen Lebenssituationen aufnimmt. Dabei ist die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls an eine positive Selbsteinschätzung des Individuums gekoppelt: erlebt das Individuum in seiner sozialen Umgebung Anerkennung und Wertschätzung, nimmt der Grad des Gemeinschaftsgefühls zu; erlebt das Individuum hingegen Ablehnung und Geringschätzigkeit, reduziert sich der Grad des Gemeinschafts­gefühls.

Der einzelne erlebt das Gemeinschaftsgefühl essentiell in dem Bewusstsein, sich anderen Menschen zugehörig zu fühlen, als einer von ihnen zu gelten, in der Gemeinschaft integriert zu sein. Mit diesem Gefühl der Zugehörig­keit und des Eingebundenseins entsteht die Fähigkeit zur Mitarbeit und das Bedürfnis, einen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten. Dieser dialek­tische Prozess bildet für Dreikurs die Basis der Mitmenschlichkeit.

Dreikurs geht davon aus, dass jeder Mensch als Zeichen seiner sozialen Bestimmung danach strebt, seinen Platz im Leben zu finden.
Mit den ihm zur Verfügung stehenden Methoden versucht er, sich mit der Gemeinschaft verbunden zu fühlen. Auch wenn manche Methoden den Anschein erwecken, diesem Ziel zu widersprechen, sind sie dennoch als solche anzusehen und zu verstehen. Wenn also jemand sich anstrengt, als Bester, Klügster, Langsamster oder schwarzes Schaf seinen Platz in der Gemeinschaft zu besetzen, entspringt diese Anstrengung dem gleichen Bedürfnis wie die Methoden eines ande­ren, die auf ein Miteinander ausgerichtet sind.

Das Gemeinschaftsgefühl äußert sich also in der Art und Weise, wie der einzelne sich in die Gemeinschaft einbringt, welchen persönlichen Beitrag er in der Lage ist zu leisten. Je ausgeprägter die Gewissheit ist, integriert zu sein, sich anderen Menschen zugehörig zu fühlen, desto ausgebildeter sind die Fähigkeiten zur Kooperation.

Dreikurs konstatiert:
„Die Fähigkeit eines Menschen zur Kooperation kann als Maßstab für sein Gemeinschaftsgefühl angesehen werden“ (ebd.; 24).
Wer sich demzufolge als Mitglied einer Gemeinschaft zugehörig fühlt, kann ohne Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls darauf verzichten, fort­während eigene Interessen, Bedürfnisse und Wünsche in den Vordergrund zu stellen. Die Erfordernisse, die aus den Werten, Zielen und Bestimmungen der Gemeinschaft entspringen, stehen für ihn im Mittelpunkt. Das Bestreben, darauf zu achten, wie viel man von anderen bekommt, ver­liert sich in dem Bedürfnis, selber zu leisten. Eigene Aktivitäten stehen als Folge davon nicht mehr in einem Wenn-Dann-Spannungsfeld: aus dem Anspruch eines Menschen, der sich nicht verbunden fühlt, „wenn Du für mich tust, dann tue ich für Dich“, wird das Erleben „ich tue, und es geht mir gut“.

So zeigt sich das Gemeinschaftsgefühl auch darin, inwieweit der einzelne fähig ist, zur Weiterentwicklung der Gemeinschaft, zu der er sich zugehörig zählt, beizusteuern, ohne aufzurechnen, welche Gegenleistung er selber erfährt. Dreikurs erkennt in dieser Fähigkeit, sich vorbehaltlos für die Gemein­schaft einzusetzen, den „guten Mitspieler“.

Veranschaulichen möchte ich diesen Kontext an einem Beispiel aus der beruflichen Praxis: vier Erzieherinnen treffen in einem Team eines Kin­dergartens aufeinander. Während die eine Kollegin dem Team beigetreten ist, weil sie nach langer Zeit der Arbeitslosigkeit froh ist, eine Anstellung gefunden zu haben, arbeitet eine zweite Kollegin in dem Kindergarten, weil er für sie zentral gelegen ist, eine dritte Kollegin, um ihre Fähigkei­ten als Erzieherin einzusetzen, und eine vierte Mitarbeiterin schätzt ihre Kolleginnen als gute Freundinnen und Begleiterinnen. Offensichtlich ist der Grad des Verbundenheits- und Zusammengehörigkeitsgefühl bei der vierten Kollegin am stärksten ausgeprägt. Die Einsatzbereitschaft eines jeden Teammitglieds, an dem Gesamtauftrag der Institution mitzuwirken, äußert sich insbesondere dann, wenn es darum geht, konfliktträchtige Situationen gemeinsam zu bewältigen. Diejenigen Kolleginnen, die sich weniger als Teammitglied sehen und erleben, werden eher darauf bedacht sein, ihre persönlichen Interessen zu vertreten als jene Kollegin, der grundsätzlich daran gelegen ist, in einem Miteinander Lösungen zu ent­wickeln. Indizien dafür, inwieweit die jeweiligen Stellungnahmen und Handlungen des einzelnen den Erfordernissen der Gemeinschaft entspre­chen, finden sich in der Betrachtung, ob die Bedürfnisse, die die aktuellen Bedingungen und Umstände der Gruppe fordern, berücksichtigt sind und eine sachgemäße Bewältigung der Aufgabenstellung gewährleistet ist.

Neben dem Hinweis: „die Erfüllung der sozialen Aufgaben bedeutet nicht nur die Bereitwilligkeit und Fähigkeit, uns den Menschen um uns herum anzupassen, sondern auch die Notwendigkeit, zur sozialen Entwicklung und Verbesserung beizutragen“ (ebd.; 26), bezieht sich Dreikurs bei der Art und Weise, wie diese Betrachtung vollzogen werden soll, auf Adlers Formulierung, jede Fragestellung „sub specie aeterntatis“, also vom Standpunkt der Ewigkeit, anzugehen. Nur aus dieser Blickrichtung wären die Bedingungen für ein soziales Leben auszumachen, abgekoppelt von überfrachteten Anforderungen und verfehlten Sichtweisen, die die jewei­lige Situation als auch persönliche Ängste und Absichten und einseitige Auffassungen diktieren können.

Dreikurs findet in der Fähigkeit, „die gegenwärtigen Ansprüche auf Mit­arbeit mit der Bewegung nach einer besseren Gemeinschaft hin“ verknüp­fen zu können, die ideale Ausdrucksform des Gemeinschaftsgefühls“ (ebd.; 27). Ihm geht es also wie Adler darum, dass der Einzelne sich nicht den vorge­fundenen Gegebenheiten der Gemeinschaft anpasst, sondern sein Augen­merk auf deren soziale Weiterentwicklung lenkt und hierzu seine persön­liche Mitarbeit zur Verfügung stellt. „Jeder von uns muß ein unsicheres Gleichgewicht herstellen, zwischen den Notwendigkeiten und dem Verlangen nach Weiterentwicklung. Selbst wenn man fähig wäre, alle Forderungen der Gesellschaft und seiner Mit­menschen zu erfüllen, was an sich unmöglich ist, da die verschiedenen Menschen und Gruppen, zu denen wir gehören, oft gegensätzliche Ansprüche stellen, so würde man trotzdem in seiner sozialen Anpassung versagen, wenn man die Notwendigkeit einer Verbesserung vernachlässi­gen würde“ (ebd.; 26).

Zum Abschluss seiner Ausführungen kritisiert Dreikurs die Versuche der modernen Menschen, sich selbst zu „finden“, indem sie sich bemühen, die individuellen Bedürfnisse und Wünsche zu erforschen und in den Vorder­grund zu drängen. Dabei verurteilt er diejenigen psychologischen und sozialwissenschaftlichen Richtungen, die eine Anschauung zum Wohle des Einzelnen favorisieren und die Gemeinschaft aus den Augen verlieren. Die Frage: „Wie kann man wissen, wer man ist“, beantwortet Dreikurs konsequent gemeinschaftsbezogen und handlungsaktiv: „Was wir sind, zeigen wir nur in dem, was wir tun. In unseren Tätigkeiten erfüllen wir uns oder fehlen darin. Man kann nicht Handelnder und Zuschauer zur gleichen Zeit sein. Nur wer sich vergißt, kann sich finden“ (ebd.; 29).
In diesem Sinne verleihen gemeinschaftsbezogene Aktivitäten dem menschlichen Leben den eigentlichen Sinn und den notwendigen inner­lichen Frieden.

 

Robert Antoch

In den neueren Diskussionen hat das Gemeinschaftsgefühl an Aktualität und Mittelpunktstellung für die individualpsychologische Beratung und Therapie nichts eingebüßt. So erklärt Antoch: „Es ist ein unbestreitbarer Verdienst Adlers auf die Bedeutung der Koope­rationsfähigkeit, des sozialen Interesses (social interest), des Gemein­schaftsgefühls für den psychischen Haushalt im allgemeinen und den psy­chologischen Prozeß im besonderen sehr eindringlich (wenn auch offenbar nicht unmißverständlich genug) hingewiesen zu haben.“ (Antoch, 1981; 111). Er bezeichnet in neuerer Terminologie die Entwicklung von Koopera­tionsbereitschaft und Stärkung der Kooperationsfähigkeit (des Gemein­schaftsgefühls) als allgemeinstes Ziel individualpsychologischer Beratung und Therapie und erklärt es zur notwendigen Bedingung für ein befriedi­gendes Zusammenleben der Menschen. „Mehr Partnerschaftlichkeit im Denken, Fühlen und Handeln des Patien­ten, mehr Gemeinschaftsgefühl ist also das Ziel der Individualpsycholo­gischen Therapie“ (ebd.; 94).

 

 Wolfgang Schmidbauer

Zum Ende dieser Abhandlung möchte ich noch darauf aufmerksam machen, dass Adlers Gemeinschaftsgefühl auch außerhalb der individual­psychologischen Reihen Bedeutung und Anerkennung erfährt. Schmid­bauer beschreibt beispielsweise: „In jeder Form der Gruppenselbsterfahrung als Teil einer persönlichkeits­bezogenen Weiterbildung in allen Berufen, in denen die Person, z.B. des Erziehers, Therapeuten, Lehrers zum wichtigsten Instrument wird, spielen heute Gedanken eine Rolle, welche die integrative Kraft von Adlers Vor­stellungen zum Gemeinschaftsgefühl bestätigen. Das Erlebnis, daß Men­schen, die sich bisher fremd waren, in wenigen Tagen nahekommen, sich verständigen, unterstützen, ungünstige Erlebnisse der Vergangenheit kor­rigieren können, gehört zu den Fundamenten jeder nützlichen Gruppen-Selbsterfahrung.“ (Schmidbauer, 1979; 61).

Schmidbauer weist in diesem Zusammenhang auf die wachsende Annähe­rung der unterschiedlichen psychologischen Schulen hin. Wer als Thera­peut, Berater und Gruppenleiter die „Verbesserung zwischenmenschlicher Beziehungen und die Förderung emotionalen Wachstums“ als seine zen­trale Aufgabe betrachtet, stützt sich bei dieser Arbeit auf Grundannahmen, die in vielen Schulen heute Konsens sind: Unbewusste und unreflektierte Persönlichkeitsanteile sollen im Erleben mit anderen Menschen und unter Anleitung des Gruppenleiters erfahrbar gemacht und bewältigt werden. „Die wichtigste Hilfe ist dabei das neuentdeckte Gemeinschaftsgefühl“ (ebd.; 62). Das neuentdeckte oder weiterentwickelte Gemeinschaftsgefühl zählt auch Schmidbauer so zum entscheidenden Kriterium psychischer Veränderun­gen und belegt es vor allem mit einem beobachteten Phänomen in Grup­penprozessen. Eine anfängliche passive Erwartungshaltung und Wider­standsphänomene unterschiedlichster Ausprägung gegenüber der persön­lichen Veränderung weichen mit wachsendem Gemeinschaftsgefühl einer Hinwendung und einem ehrlichen Interesse an den anderen Gruppenmit­gliedern:
„Der Mitmensch wird zum Ziel der ursprünglichen, verschütteten Neu­gieraktivität, und gleichzeitig machen sich auch im Leben des einzelnen Gruppenmitgliedes größere Freiheit, größere Aktivität bemerkbar“ (ebd.; 62).