Entmutigung als Anlass

Entmutigung als Anlass zur Supervision

Die Supervision akzentuiert jene Praxissituationen (z.B. Entmutigung im Berufsalltag), die dem Supervisanden Schwierigkeiten machen, die Probleme beinhalten, deren Lösung er sich allein nicht (mehr) zutraut, die Ambivalenzen in ihm hervorrufen und einer Klärung bedürfen. Pühl schreibt beispielsweise über Teamsupervisionen: „Ausgangspunkt, Team-Supervision in Anspruch zu nehmen, sind häufig konkrete Probleme in der Arbeit, die schon eine gewisse Eskalationsstufe erreicht haben; seltener ist es ein diffuses Unbehagen oder der Wunsch nach fachlicher Reflexion“, (Pühl, 1992, 161).

Wenn individualpsycholo­gisch die Schwierigkeiten eines Menschen in der Lebensbewältigung als Ausdrucksphänomene individueller Entmutigung gesehen werden, müssen dem Bedürfnis nach Supervision Entmutigungserlebnisse zugrundeliegen. Diese Einstellung verlangt nach Differenzierung von Entmutigungsindika­toren, um adäquate Hilfsangebote unterbreiten zu können. Zunächst weisen alle Merkmale individueller Entmutigung Gemeinsam­keiten auf: die zögernde Attitüde, die distanzierte Haltung gegenüber anderen Menschen, Dingen und Aufgaben und die Vermeidung von Her­ausforderungen aller Art. Ausführlich beschäftigt sich Sieland (vgl. 4/1988, 248) mit den Indikatoren individueller Entmutigung.

So unter­scheidet er in vier Indikatorengruppen:

  • Kognitive Indikatoren (defizitäre Selbstdiagnose)
  • Motivationale Indikatoren (defizitäre Wertreflexion)
  • Indikatoren für defizitäre Planungs- und Handlungskompetenz
  • Indikatoren für defizitäres Sozialverhalten

Zu den kognitiven Indikatoren zählt er: (1)

  • die Vernachlässigung mindestens einer Lebensaufgabe
  • überzeichnete Vorstellung in bezug auf Personen, Ziele und Methoden
  • das Denken und Handeln in Kategorien von Entweder-Oder, Schwarz- Weiß-, Wenn-Dann-Polen
  • das Ignorieren von Ambivalenzen und kognitiven Alternativen
  • ich- und handlungsferne Reflexionen
  • Erwartung von Kontrollfunktionen durch andere
  • Annahme der eigenen Hilflosigkeit
  • Ablehnung von Verantwortung durch externe Ursachenbeschreibung, Schuldzuweisung an andere Personen, widrige Umstände etc.

Unter motivationalen Indikatoren versteht er: (2)

  • dass die Niederlage mehr gefürchtet, als der Erfolg gewünscht wird
  • das Nicht-Anerkennen von bestehenden Grenzen
  • das Anzweifeln vorhandener Kompetenzen
  • eine passive Konformität (ohne Anpassungsdruck)
  • eigene Wertvorstellungen werden dysfunktional:
  • die steuernde Aufgabe tritt in den Hintergrund, um Illusionen zu ent­ wickeln, zu legitimieren, aufzubauschen oder zu bagatellisieren

Bei den Indikatoren für defizitäre Planungs- und Handlungskompetenz führt er an:

  • den Verlust von Praxis, Kompetenz und Selbstwirksamkeitserfahrungen in wesentlichen Bereichen
  • Vorsätze und deren Ausführungen manifestieren statt gestalten
  • Überprüfung der Realität findet nicht statt
  • mögliche Alternativen werden nicht in Betracht gezogen
  • Mangel an Initiative wird durch übersteigertes Engagement auf anderen Gebieten verwischt.

Bei den Indikatoren für defizitäres Sozialverhalten nennt Sieland:

  • die Neigung zu sozialer Isolation
  • das Abschwächen von Erfolgen anderer
  • das Abwerten Erfolgreicher als Streber
  • aufbauschende und ironische Reaktionen auf Fehler von anderen
  • die Hinwendung zu anderen mit der Absicht, von sich selbst abzulenken
  • unnötige Hilfestellung für andere, die deren Selbsthilfemöglichkeiten einschränken oder gar verhindern
  • Unfähigkeit, eigene Wünsche zu vertreten bzw. Wünsche anderer abzu­ lehnen

Bereits mit einer Themensammlung zu Beginn des Supervisionsprozesses kann der Supervisor einen groben Überblick gewinnen, welche entmuti­genden Faktoren Anlass zur Supervision geworden sind.

Das Pflegepersonal einer neurologischen Station in einer Rehabilitations­klinik stellt beispielsweise folgende Themensammlung auf:

Supervision – Welche Themen kann ich mir in der Supervisionsgruppe vorstellen?

1. Fallbesprechung:

Schwierigkeiten im Umgang mit den Patienten und Patientinnen und deren Angehörigen:

  • Gespräche mit depressiven Patienten, wie führe ich sie?
  • Aphasie-Patienten; wie gehe ich mit ihnen um?
  • Gesprächsführung mit Patienten, die etwas verwirrt sind
  • Problembeladene Patienten; wie spreche ich sie gezielt an?
  • Die Motivation zur Ausübung des Berufs
  • Selbsthilfetraining
  • Vorbereitung auf das Heim

Hier lassen sich motivationale Indikatoren vermuten:

das Team zweifelt seine Kompetenz im Umgang mit Patienten, die aufgrund ihres Krankheitsbildes persönlichkeitsverändert und kommunikationsbeeinträchtigt sind, an.

  • mangelnde Beschäftigungstherapie
  • Patienten sind oft wenig motiviert
  • langer Aufenthalt der Patienten bei uns

In der Kritik und Schuldzuweisung an andere zeigen sich die kognitiven Entmutigungsindikatoren.

2. Die Situation innerhalb der Station

  • Verarbeiten lernen wie Kollegen mit Patienten umgehen (schlechter Umgangston mit Patienten)
  • Schwierigkeiten / Meinungsverschiedenheiten mit Kollegen / Ärzten, Rangordnung Raum-pflegerinnen
  • Gruppenbildung
  • Dominante und sich unterordnende Kollegen im Team (Problematik)
  • Sich abgrenzen gegenüber anderen Berufsgruppen, Patienten usw.

Die zwischenmenschliche Problemstruktur deutet die Minderung eines kooperativen Sozialverhaltens an.

  • Besprechung über anfallende Probleme
  • Organisationsverbesserung
  • einen geordneten Stationsablauf herstellen

Hier scheinen kognitive Indikatoren eine Rolle zu spielen; der Vorwurf über mangelende Organisation und fehlende Dienstbesprechung richtet sich zunächst an andere, z.B. Stationsleitung, Chefarzt

3. Stationsübergreifende Themen

  • Umweltschutz
  • Doppelbelastung durch Familie, Haushalt, Beruf

Am dieser Stelle weisen Angriffe auf andere, die bisher nicht aktiv in einen Missstand eingegriffen haben, wie z.B. die Pflegedienstleitung, und die Vermutung und das mögliche Erleben durch Doppel- belastung von Familie und Beruf, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden zu können, auf kognitive Indikatoren hin.

  • Zusammenarbeit mit Ärzten
  • Konflikte lösen mit Verwaltung und anderen Stationen

Hier sieht man die Indikatoren für defizitäres Sozialverhalten.

Mit der Prämisse der schöpferischen Kraft des Menschen richtet die Indi­vidualpsychologie ihre Beachtung aber weniger auf die Unzulänglichkeiten als vielmehr auf die selbstunterstützenden Ressourcen des Supervisanden, um so die Fähigkeiten zur Selbst-wahrnehmung auszubauen und Verände­rungsprozesse in den gewünschten Gebieten zu fördern. Dennoch ist es notwendig, die jeweilige Indikatorengruppe der Entmutigung zu diagnosti­zieren, damit entsprechende Wirksamkeitsfaktoren in Zusammenarbeit mit dem Supervisanden erarbeitet werden können. Ressourcen und Qualitäten eines entmutigten Supervisanden erkennen zu können und ihm behilflich zu sein, diese selber wahrzunehmen, wertzuschätzen und weiterzuent­wickeln, fordert eine Methode supervisorischen Handelns, die in feinfüh­liger Weise vorgeht und zur Selbstaktivierung dieser Ressourcen anregt.

Die Individualpsychologie wählt zu diesem Zwecke die Ermutigung, eine Methode, auf der Kurzformel „Aktivierung des Gemeinschaftsgefühls“ (Adler) aufgebaut, die als komplexe Strategie Methode und Zielsetzung gleichermaßen verkörpert. Kapitel 6 der vorliegenden Arbeit widmet sich der näheren Betrachtung dieser Strategie.