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Lebensstilmuster

Typologie der Lebensstilmuster

Auch wenn die Individualpsychologie die Einzigartigkeit des Individuums herausstellt, räumt sie ein, dass Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Menschen und ihren Lebensstilen vorzufinden sind.

 

Typisierung der Lebensstilmuster nach Alfred Adler

Alfred Adler hat sich bereits 1935 mit einer Typisierung der Lebensstilmuster beschäftigt und vier verschiedene Muster menschlichen Verhaltens beschrieben. Er unterscheidet sie je nach dem Grad der Aktivität, des Gemeinschaftsgefühls und der sozialen Integration (vgl. Kap. 4).

„Wenn wir uns ansehen, wie Individuen der Wirklichkeit entgegentreten, so finden wir einige, die – von der frühen Kindheit angefangen – das ganze Leben hindurch eine mehr oder weniger dominierende oder herrschende Haltung an den Tag legen, die in all ihren zwischenmenschlichen Verhältnissen erscheint.

Ein zweiter Typ, sicherlich derjenige, der am häufigsten auftritt, erwartet alles von anderen und stützt sich auf andere. Er könnte der nehmende Typ genannt werden.

Ein dritter Typ neigt dazu, sich durch das Vermeiden der Lösung der Probleme erfolgreich zu fühlen. Anstatt mit dem Problem zu kämpfen, versucht ein Mensch dieses Typs ihm bloß aus dem Weg zu gehen. Dadurch versucht er eine Niederlage zu vermeiden.

Der vierte Typ schließlich kämpft in mehr oder weniger starkem Maß, um diese Probleme in irgendeiner Weise nützlich für andere zu lösen.

Jeder dieser Typen behält seinen Stil von Kindheit an bis zum Ende seines Lebens bei, es sei denn, der Betreffende wurde von dem Fehler in der Schöpfung seiner Stellungnahme zur Wirklichkeit überzeugt.

Die Grundsätze, die mich leiten, wenn ich Individuen diesen vier Typen zuordne, sind zum einen der Grad ihrer Annäherung an andere, ihre soziale Integration und zum anderen die Bewegungsform, die sie entwickeln (mit mehr oder weniger Aktivität), um den Grad der Annäherung in einer Weise aufrechtzuerhalten, die sie für die besten halten, um Erfolg (ihrer eigenen Auslegung gemäß) zu erzielen“ (Adler, 1983; 72).

Anhand dieser Zuordnung demonstriert Adler nachfolgende Grundmuster:

1. Herrschender Typ mit mehr oder weniger aktiven, mehr oder weniger gemeinschaftsabgewandten Grundzügen

2. Nehmender Typ mit mehr oder weniger passiven, mehr oder weniger gemeinschaftszugewandten Grundzügen

3. Vermeidender Typ mit mehr oder weniger passiven, mehr oder weniger gemeinschaftsabgewandten Grundzügen

4. Sozial nützlicher Typ mit mehr oder weniger aktiven, mehr oder weniger gemeinschaftszugewandten Grundzügen

 

Typisierung der Lebensstilmuster nach Harold Mosak

Harald Mosak, ein amerikanischer Individualpsychologe, hat sich in späteren Jahren (1978) mit der Typisierung der Lebensstile auseinandergesetzt und vierzehn verschiedene Formen charakterisiert (vgl. Titze/Gröner, 1989; 121).

1. Der Nehmer: stellt andere in seinen Dienst, nutze seine Mitmensch für seine Zwecke, verfügt über eine breite Palette von Verhaltensmöglichkeiten von charmant bis jähzornig bis mitleidserregend.

2. Der Umtriebige: ist immer in Bewegung, angetrieben von seinem Ehrgeiz und einer übersteigerten Gewissenhaftigkeit, ständig bestrebt, sich und anderen seine Wichtigkeit zu demonstrieren, gequält von dem Gefühl, ein Nichts zu sein.

3. Der Kontrollierer: ist angestrengt, sich und andere zu kontrollieren, nicht die Beherrschung zu verlieren, unterdrückt die eigene Spontanität, verbirgt seine Gefühle und befürchtet von Überraschungen, Unvorhersehbarkeiten und seinen eigenen unüberlegten Reaktionen überrollt zu werden. Sicherheit gewinnt er, indem er sich ein durchorganisiertes, strukturiertes und überschaubares Umfeld aufbaut und sich dabei ausschließlich auf seine Vernunft und seinen Intellekt bezieht.

4. Der Rechthaber: zielt auf Überlegenheit über andere ab, will Recht haben und anderen ihr Unrecht beweisen, ist bestrebt, Fehler zu vermeiden, rechtfertigt sich, rationalisiert und argumentiert mit den abwegigsten Argumenten.

5. Der Aufstreber: Ist ständig bemüht, eine Mittelpunktstellung zu gewinnen, eine kritische Auseinandersetzung mit der Auswahl der benötigten Methoden, dieses Ziel zu erreichen, gerät dabei in den Hintergrund. Gelingt es ihm nicht mit sozial anerkannten Mitteln seine gewünschte Sonderstellung zu erreichen, greift er auf Methoden zurück, die zwar weniger sozial anerkannt sind, aber ihm immerhin den Eindruck verschaffen, etwas Besonderes darzustellen. Das schwarze Schaf, der Dümmste, der Faulste zu sein, können ihm diese Position durchaus einräumen.

6. Der Gefallsüchtige: sein Bestreben ist es, seinen Mitmenschen zu gefallen; er ist immer bemüht, den Wünschen anderer zu entsprechen, um so Anerkennung und Bestätigung zu bekommen. Kritik an seinem Verhalten stört empfindlich sein seelisches Gleichgewicht.

7. Der moralisch Ehrgeizige: erzielt Überlegenheit über seine Mitmenschen mit dem Anspruch an sich selbst, moralisch vorbildlich zu sein.

8. Der Widersetzliche: stellt grundsätzlich alles und jeden in Frage, bedient sich dabei nicht nur offener und aktiver Verhaltensweisen, sondern auch indirekter und passiver (z.B. Verweigerung).

9. Der Unglücksrabe: gerät wiederholt in Opferpositionen, hält fest an dieser Rolle, reagiert mit Selbstmitleid und Resignation, aber auch mit Vorwurfshaltung anderen gegenüber.

10. Der Märtyrer: Parallelen zum Unglücksraben; aber im Vergleich zu ihm versäumt der Märtyrer nicht, Erklärungen für seine Situation zu finden. Seine Überlegenheit gewinnt er dadurch, dass er still vor sich hin leidet und über das erlebte Unheil, das ihm zustößt, eine Heiligsprechung erwartet.

11. Das Kindchen: mit Charme, Niedlichkeit und erlernter Hilflosigkeit gelingt es ihm, seine Mitmenschen für seine Zwecke zu gewinnen und einzusetzen.

12. Der Versager: ihm misslingt alles, was er angreift; er wirkt ungeschickt, unbeholfen, linkisch und oft peinlich. Verantwortungsbewusste Mitmenschen kann er durch dieses Verhalten in seinen Dienst stellen.

13. Der Rationalisierer: vernünftiges, logisches und intelligentes Handeln stehen im Mittelpunkt; spontanes Agieren und Gefühle bemüht er sich zu beherrschen. Ähnlichkeiten finden sich beim Kontrollierer.

14. Der Abenteurer: Aufregung und Risiko bestimmen diesen Lebensstil. Jegliche Routine und Alltagsgewohnheiten werden abgelehnt. Das „außergewöhnliche“ Abenteuer wird gesucht, um demonstrieren zu können „Ich bin ein toller Typ“, Angst zu überwinden, aber auch Verantwortung und Nähe abzuwenden.

Wenngleich die Lebensstiltypisierung von Mosak eine nachvollziehbare Auflistung menschlicher Verhaltensmuster darstellt, erwies sie sich aufgrund ihrer Unübersichtlichkeit, die mit der differenzierten Einteilung in zahlreiche Einzeltypen einhergeht, für die Handhabung in der individualpsychologischen Beratung und Therapie wenig praktikabel. Anwendung findet heute hauptsächlich das Persönlichkeitsmodell der vier Prioritäten, das in Anlehnung an Adlers beschriebenen Typengegensatz „gemeinschaftsfähig“ – „nicht gemeinschaftsfähig“ weiterentwickelt wurde.

 

Das Persönlichkeitsmodell der vier Prioritäten

Die übereinstimmenden Grundrichtungen, die im lebensstil-typischen Handeln der Menschen zu erkennen sind, werden heute Prioritäten genannt.

Während einer internationalen Fortbildungsveranstaltung für Individualpsychologie 1971 in Israel hat die israelische Individualpsychologin Nira Kfir in einer ersten Fassung die Prioritätentheorie vorgestellt; Bill Pew und Jaqueline Brown entwickelten Kfirs Überlegungen weiter und trugen 1974 auf einer ebenfalls internationalen Tagung in Holland das Persönlichkeitsmodell der vier Prioritäten vor. In Deutschland haben sich insbesondere Schottky und Schoenaker, Titze und Gröner mit diesem Modell beschäftigt und um Transparenz bemüht.

Die Theorie der Prioritätenlehre stützt sich auf die Annahme, dass jeder Mensch prinzipiell über alle menschlichen Verhaltensmöglichkeiten verfügen kann, sich aber eine Priorität herausgreift, die er am höchsten bewertet und am nachdrücklichsten zu erreichen versucht. In seinem Streben nach Vollkommenheit räumt er also einer Priorität eine Vorrangstellung ein, was gleichzeitig beinhaltet, dass er mit allen verfügbaren Mitteln bestrebt ist, den Gegenpol der gewählten Priorität zu verhindern. Mehr oder weniger stark ausgeprägt folgen die anderen Prioritäten unterstützen sich gegenseitig, oder konkurrieren miteinander.

Die Prioritäten korrespondieren in dieser individuellen Ausprägung mit folgenden Zielsetzungen:

Priorität Überlegenheit (U)
„Ich will die Schönste, die Beste, die Schnellste, die Klügste sein, ich will siegen, etwas darstellen, und alles was ich tue, geschieht, damit ich dieses Ziel erreiche!“

Priorität Kontrolle (K)
„Ich suche Sicherheit, geordnete Verhältnisse, Überschaubarkeit, Schutz vor unvorhersehbaren Geschehnissen, und alles, was ich tue, geschieht, damit ich dieses Ziel erreiche!“

Priorität Gefallen wollen (G)
„Ich will, dass mich die anderen Menschen mögen, sie sich nicht gegen mich stellen, und alles, was ich tue, geschieht, damit ich dieses Ziel erreiche!“

Priorität Bequemlichkeit (B)
„Ich will es bequem und angenehm haben, ungehindert das Leben genießen und nicht in Anspruch genommen werden, und alles, was ich tue, geschieht, damit ich dieses Ziel erreiche!“

 

Übertragen in die Darstellung der Lebensstiltypisierung Adlers zeigt sich folgende Einordnung:

 

Lebensstile

(vgl. Titze/Gröner, 1989; 230)

Abbildung 3: Typologie der Lebensstilmuster (nach Nira Kfir)

 

William Pews (Pews, 1978, 124) befasste sich sehr einprägsam mit den einzelnen Prioritäten; die folgende Ausarbeitung entstand analog zu seinen Erklärungen:

Priorität Überlegenheit
Menschen, für die die Priorität Überlegenheit eine Vorrangstellung eingenommen hat, werden mit hohem Engagement, einem großen Verantwortungsbewusstsein, viel Idealismus, Fachkompetenz, Ausdauer und Zielstrebigkeit ihre Lebensaufgaben gestalten.
Sie werden sich als Führungspersönlichkeiten hervorheben, das Außergewöhnliche, das Erfolgsträchtige für sich und ihre Umgebung beanspruchen. Ihre beharrliche Durchsetzungskraft und ihre Kreativität im Aufspüren innovativer Ideen unterstützen sie dabei. Ein besonders erstrebenswertes Ziel wird die Verbesserung der Gesellschaft sein. Mit unermüdlichem individuellem Einsatz legen sie den Zeigefinger in die Wunden der Gesellschaft und mühen sich ab, ihre jeweilige Umgebung für die Gesundmachung zu gewinnen.
Hochgesteckte Ziele können dazu führen, dass sich diese Menschen zu Märtyrern machen und im Leiden ihre Bedeutung erfahren (chronische Überbelastung, sich häufende Enttäuschungen etc.).
Ihre Mitmenschen neigen dazu, sich in ihrer Nähe als unzulänglich und abgewertet zu erleben, sich im Unrecht zu sehen, gegen Schuldzuweisungen anzukämpfen und sich verteidigen zu müssen.
Am meisten wird die eigene Bedeutungslosigkeit gefürchtet. Bei entmutigten Menschen kann dieses in Beziehungsstörungen und Beziehungsunfähigkeit münden.

 

Priorität Kontrolle
Menschen, für die die Priorität Kontrolle an erster Position steht, zeigen sich gewissenhaft, vorausschauend, planerisch, zuverlässig, verhalten sich in der Regel angepasst und sind in der Lage, andere Menschen zu führen. Ihr Ziel ist es, Übersicht zu bekommen und zu bewahren, Unvorhersehbares abzuwenden, Strukturen zu schaffen und Regelmäßigkeiten einzuführen. Sie neigen zu einer starken Selbstkontrolle und versuchen auch ihre Mitmenschen zu beherrschen. Unter diesen Bedingungen fühlen sie sich sicher und den Lebensaufgaben gewachsen. Bei einer starken Ausprägung der Priorität Kontrolle wirken sie distanziert und perfektionistisch, tendieren sie zu Rationalisierungen, leidet ihre Spontanität und Kreativität. Ihre Umgebung fühlt sich – wie sie selbst auch – eingezwängt in ein starres Regelwerk. Sie reagieren kleinlich, versuchen die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Mitarbeiter und Kollegen einzuschränken oder zu verhindern und vermitteln ihnen das Gefühl, minderwertig und inkompetent zu sein.

 

Priorität Gefallen wollen
Menschen, bei denen die Priorität Gefallen wollen überwiegend das Verhalten bestimmt, zeigen sich meist freundlich, entgegenkommend, fürsorglich und großzügig. Aufmerksam und einfühlend beobachten sie ihre mitmenschliche Umgebung und sind stets zur Stelle, wenn ein erhöhter Arbeitseinsatz erforderlich ist. Gewand und flexibel stellen sie sich auf ihre Mitmenschen, deren Wünsche und Erwartungen und auf die verschiedenartigsten Situationen ein. Stimmungsschwankungen sind bei ihnen nicht zu befürchten, denn sie haben es gelernt, eine gleichbleibend liebenswürdige Atmosphäre zu verbreiten. So fällt es ihnen leicht, Kontakte zu schließen, unterhaltsam im Mittelpunkt zu stehen, andere Menschen für sich zu gewinnen und diplomatisch konflikthafte Situationen zu regeln. Sie nehmen häufig aber Aufgaben nur deshalb an, um von anderen anerkannt zu werden. Dies kann auf beiden Seiten zu Enttäuschungen und Überforderungen führen. In extremer Form fühlen sich ihre Mitmenschen von ihnen bedrängt und misstrauen zu Recht der freundlichen Fassade, hinter der sich wenig Achtung vor dem anderen verbirgt.

 

Priorität Bequemlichkeit
Menschen, deren Verhalten vorwiegend durch die Priorität Bequemlichkeit geprägt ist, verbreiten um sich herum eine Atmosphäre der Zufriedenheit, Sorglosigkeit, Gemütlichkeit und Zuversicht. Sie haben gelernt das Leben zu genießen, keine hohen Ansprüche zu stellen, mit wenigem sich und anderen ein angenehmes Dasein zu bieten. Man wird von ihnen keinen außergewöhnlichen Einsatz erwarten können; ihren beschaulichen Rhythmus lassen sie sich nicht stören, sie verzichten eher auf die Anerkennung ihrer Umgebung, als dass sie sich für eine gemeinsame Sache übermäßig engagieren. Sie vermeiden Auseinandersetzungen und Konflikte, achten sorgfältig auf die jeweiligen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten, umgehen Hektik, Stress und Überforderung. Aufgaben, die Ausdauer, Geduld und Flexibilität erfordern, sind nicht ihre Stärke, dafür erledigen sie gerne Arbeiten, die routinierte Abläufe garantieren und einen ruhigen und gelassenen Umgang voraussetzen. Kollegen können sich in ihrer Nähe erholen und Kraft schöpfen, aber ebenso sich zurückgewiesen fühlen, wenn sie ihre Mitarbeiter erwarten, um gemeinsame Ideen voranzutreiben, sie einspringen oder in fachlichen Diskussionen Stellung beziehen sollen.

Wie beschrieben finden sich in jeder Priorität mögliche positive als auch mögliche negative Aspekte. In der nachstehenden Gegenüberstellung werden diese Aspekte anschaulich demonstriert:

 

Bequemlichkeit – Mögliche positive Persönlichkeitsaspekte
Ich bin wohlwollend, unbekümmert, nicht anspruchsvoll, nicht fanatisch, nicht trotzig.
Ich kann mich gut einfügen, organisieren, gut wahrnehmen.
Ich habe Ausdauer, Freude am Leben, schaffe eine gemütliche Atmosphäre, schätze das Schöne.

Bequemlichkeit – Mögliche negative Persönlichkeitsaspekte
Ich will nicht warten, meine Befriedigung / mein Vergnügen jetzt, interessiere mich für meine eigene Bequemlichkeit, riskiere keine Enttäuschungen, möchte keine Verantwortung tragen, bin nicht ehrgeizig.
Ich habe wenig Antrieb, ziehe mich vor Konflikten zurück, verstehe mich zu tarnen.
Ich lasse andere für mich arbeiten und lasse andere für mein Wohlbefinden sorgen.

 

Gefallen wollen – Mögliche positive Persönlichkeitsaspekte
Ich kann gut Kontakt herstellen, gut wahrnehmen, mich gut einfügen.
Ich bin freundlich, ein guter Kamerad, rücksichtsvoll, nicht aggressiv, großzügig, wendbar, kompromissbereit, unterhaltsam, ehrgeizig, ausgleichend.
Ich habe Ausdauer, dipolomatische Fähigkeiten, bringe Sonnenschein, ich mache freiwillig mit.

Gefallen wollen – Mögliche negative Persönlichkeitsaspekte 
Ich habe eine niedrige Selbsteinschätzung, respektiere mich selbst nicht und erwarte keinen Respekt von anderen; fühle mich nur zugehörig, wenn ich gefalle.
Ich mache mich leicht zum Sklaven des Partners, bin nicht besonders mutig; stelle mich hinter anderen zurück; gebe, um zu bekommen.

 

Kontrolle – Mögliche positive Persönlichkeitsaspekte
Ich kann führen, organisieren, ich bin zuverlässig, pünktlich, gründlich, voraussagbar, ehrgeizig, fleißig, sparsam, selbstbewusst, standhaft, umsichtig, leistungsfähig, bereit, beizutragen.
Ich gehe kein Risiko ein, ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen.
Ich habe Respekt vor Ordnung und Gesetz, ein gutes Auge für Zeit und Einteilung.

Kontrolle – Mögliche negative Persönlichkeitsaspekte 
Ich kontrolliere andere und/oder Situationen; ich übertreibe die Selbstkontrolle, habe oft verkrampfte, stramme Gesichtszüge, andere fühlen sich frustriert und desinteressiert, ich verdränge Gefühle, was zum Unvermögen von Fühlen führt, ich bin in geringem Maße spontan und kreativ, ich wage nichts.
Ich will sicherstellen, dass das Leben mich nicht beherrscht, entmutige andere mit meinem Perfektionismus.

 

Überlegenheit – Mögliche positive Persönlichkeitsaspekte
Ich kann Verantwortung tragen, führen, gut wahrnehmen, viel leisten, auch im Leiden Bedeutung finden
Ich bin idealistisch, ehrgeizig, fleißig, mutig, bereit beizutragen, genau, ausdauernd.
Ich nehme anderen Verantwortung ab, sorge für sie.
Ich habe verlangen nach Wissen, Gerechtigkeit und Wahrheit, habe Interessen für moralische Fragen, bin aufgeschlossen für Neuerungen

Überlegenheit – Mögliche negative Persönlichkeitsaspekte 
Ich will gerne alles besser wissen, mehr Recht haben, nützlicher sein, ich bin gerne Opfer oder Märtyrer, ich setze mich stark durch, glaube mich selbst im Recht und die anderen im Unrecht.
Ich habe Angst vor Fehlern, tue nur Erfolg verdächtiges, bürde mir gerne zu viel auf, leide unnötig, übertone die Fairness, setze andere herab, beschuldige andere und wecke damit Schuldgefühle.

Diese Ausführungen über die einzelnen Prioritäten und die ausschnitthafte Gegenüberstellung möglicher positiver und negativer Persönlichkeitsaspekte mögen als Einblick in die mannigfaltigen Gestaltungsmöglichkeiten, die ein Mensch für die Ausprägung seines individuellen Lebensstils zur Verfügung hat, zunächst ausreichen.

 

Der Prioritätenfragebogen

Schoenaker erarbeitete 1974 einen Fragebogen als Messinstrument zur Feststellung der jeweiligen Priorität. Dieser Fragbogen, von ihm zwischenzeitlich mehrfach überarbeitet, findet seitdem Verwendung im Erstinterview und in der Gruppentherapie im Rudolf-Dreikurs-Institut für sprachgestörte Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Züntersbach.

Für die Erfordernisse in der Personalberatung modifizierte Gröner diesen Fragebogen und setzt ihn dort als Hilfsmittel zur eigenständigen Herausarbeitung der individuellen Rangfolge der Prioritäten ein.

Aufbau des Fragebogens und praktische Handhabung

Jeder Priorität sind sieben Items zugeordnet und zwar so, dass sie sich im Turnus Überlegenheit (U) – Kontrolle (K)- Gefallen wollen (G) – Bequemlichkeit (B) wiederholen:

Ü = Fragen Nr. 1 – 5 – 9 – 13
K = Fragen Nr. 2 – 6 – 10 – 14
G = Fragen Nr. 3 – 7 – 11 – 15
B = Fragen Nr. 4 – 8 – 12 – 16

Als Anleitung für den Fragebogen dienen folgende Schritte:

1. Schritt
Die Teilnehmer werden gebeten, Aussage für Aussage des Fragbogens durchzusehen und anzukreuzen, inwieweit die formulieren Aussagen genau – in etwa – oder nicht für sie zutreffen. Es muss eine Entscheidung für eine der drei Möglichkeiten getroffen werden.
2. Schritt
In die Spalte „Kriterium“ sollen nun von oben nach unten die Buchstabenfolge
U – K – G – B (stehen für die jeweiligen Prioritäten) eingetragen werden; insgesamt sind es 7 Wiederholungen.
3. Schritt
In jeder Zeile soll nun der entsprechende Punktwert eingetragen werden:
Stimmt genau     = 1 Punkt
Stimmt in etwa   = ½ Punkt
Stimmt nicht       = 0 Punkt
4. Schritt
Für jeden Buchstaben sollen nun die jeweiligen Punktwerte zusammengezählt und in der Fußzeile neben den entsprechenden Buchstaben eingetragen werden. Der Buchstabe, der nun die höchste Punktzahl trägt, könnte die Priorität der Testperson sein.

Prioritätenfragebogen
Zutreffendes bitte ankreuzen
Name:                                                                         Datum:

      Stimmt genau     Stimmt in etwa    Stimmt nicht

Ich habe Angst bedeutungslos zu sein.

Ich erlebe mich oft in einem Abstand zu anderen.

Ich strenge mich an, damit ich von möglichst vielen
akzeptiert werde.

Ich lasse mir gerne helfen.

Weil ich nicht eine/r unter vielen sein will,
ist es mir wichtig, aus der Masse herauszuragen.

Mit meinen Gefühlen bin ich ziemlich zurückhaltend,
d.h. ich sage lieber was ich denke als was ich fühle.

Mir geht oft die Frage durch den Kopf, ob die Leute
mich wohl mögen, und ob ich willkommen bin.

Unruhe, Hast, Störungen und Veränderungen
können mich derart stören, dass ich mich ganz unwohl fühle.

Ich spüre in mir ein Streben nach „besser sein“ als andere.
Dafür strenge ich mich auch an.

Ich glaube, ich kann mich nicht gut anvertrauen,
nicht „fallen lassen“.

Ich glaube, die Angst abgelehnt zu werden, ist bei mir sehr stark.

Ich möchte in Ruhe gelassen werden.

Für meine Art zu leben, zahle ich den Preis, dass ich
zu viel tun und zu viel Verantwortung tragen muss.

Es ist mir sehr wichtig, meiner Sache sicher zu sein.

Ich wage es nicht gern, meine Meinung zu sagen, wenn sie
von der der anderen abweicht.

Ich stehe ungern unter Leistungsdruck.

Wichtig ist für mich nicht, ob eine Sache gut läuft, sondern
ob die entscheidenden Anstöße von mir kamen.

Ich fürchte, dass meine spontanen Äußerungen später wieder
gegen mich verwendet werden können.

Ich kann nicht gut „nein“ sagen.

Ich leiste vielleicht nicht ganz so viel wie andere, aber meine Ruhe und
Gemütlichkeit sind mir wichtiger

Ich kann mir denken, dass manche Leute sich klein und verlegen fühlen,
wenn sie sehen, was ich so aus meinem Leben mache.

Halb vorbereitet in eine Situation hineinzuspringen, das liegt mir
gar nicht.

Ich versuche festzustellen, was andere von mir erwarten,
damit ich diese Erwartung womöglich erfüllen kann.

Körperliche Schmerzen, auch wenn sie nur kurz dauern,
gehe ich grundsätzlich aus dem Weg.

Wenn ich mein Leben so betrachte, kommt es mir vor,
als ob ich gut mit Leuten umgehen kann, die mir unterlegen sind,
und auch mit solchen, die ich als Autorität akzeptiere, aber
Freundschaften kann ich offensichtlich nicht auf Dauer halten.

Es ist mir sehr wichtig, die Übersicht zu behalten.

Wenn ich den Erwartungen anderer zuwiderhandeln muss,
fühle ich mich wie gelähmt und entscheidungsunfähig.

Im Grunde ist mein tiefster Wunsch, ein bequemes Leben zu haben
ohne viele Konflikte.

Ü  K  G  B
Priorität:

(vgl. Tietze/Gröner 1989; 227)

 

Prioritäten-Profile

Als Beispiel führe ich die Ergebnisse der Prioritäten-Profile einiger Mitarbeiterinnen einer Rehabilitationsklinik an:

Prioritäten-Profil: Dolores

Ü   K    G    B

 5,5  3,5  3

Priorität Kontrolle

Bei Dolores – sie ist Leiterin einer therapeutischen Abteilung der Rehabilitationsklinik – nimmt die Priorität Kontrolle die erste Position ein. Für sie ist es wichtig, Schwierigkeiten, Risiken und Unsicherheiten vorzeitig zu erkennen, auszuschalten oder zu beherrschen. Aufmerksam und eher zurückhaltend bemüht sie sich, den Überblick zu bewahren, Menschen ihrer Umgebung und Situationen einzuschätzen und in den Griff zu bekommen. Klare Absprachen, korrekte Aufgabenverteilung und möglichst präzise Einhaltung von Regeln und Verabredungen erleichtern ihr das Miteinander. Sie bietet sich und anderen zwar wenige Freiräume zum Experimentieren, vermittelt aber Sicherheit und Zuverlässigkeit und ist immer bereit, ihren Beitrag in der Gruppe zu leisten, sobald sie sich das zutraut. Während sie ihre eigenen Gefühle kontrolliert und auch anderen nicht zu nahe treten möchte, sich eher auf Intellekt und Logik verlässt, ist es ihr nicht gleichgültig, welche Gefühle ihr andere Menschen entgegenbringen (Gefallen als 2. Priorität). Trotz aller Zurückhaltung und einem vorsichtigem Taktieren ist sie freundlich, verständnisvoll und optimistisch. Auffällig sind die ähnlichen Werte bei den übrigen Prioritäten. Dolores wird es nicht schwerfallen, auf diese Prioritäten zurückzugreifen. Unangenehme Züge der Priorität Kontrolle wie starres Regeldenken, übermäßiger Ordnungssinn, „tyrannische“ Gängelei sind bei ihr nicht zu befürchten, dafür sind die tangierenden Prioritäten zu stark ausgeprägt und jederzeit verfügbar. Ihre Mitarbeiterinnen werden sich bei ihr aufgehoben fühlen, sich auf sie verlassen können und ihre Fachkompetenz schätzen. Sie werden sich oft auch aufgefordert sehen, dem Anspruch von Dolores nachzukommen und sich in ihrer Gegenwart unzulänglich erleben. Aber gemeinsame Besprechungen finden sicherlich bei einer Tasse Kaffee statt (Priorität Bequemlichkeit).

 

Prioritäten-Profil: Susanne

U    K   G   B

3,5  2   1   2

Priorität Überlegenheit

Die Priorität Überlegenheit steht bei Susanne – Mitarbeiterin der psychologischen Abteilung der Klinik – an erster Position. Dieses Ergebnis lässt vermuten, dass Susanne eine Kollegin ist, die bereitwillig Verantwortung – auch für andere – übernimmt, selbständiges Arbeiten anstrebt und sich mit viel Idealismus den Aufgaben stellt. Wahrscheinlich wird sie sich um eine fehlerfreie Erledigung der anstehenden Arbeiten bemühen, innovative Ideen entwickeln und deren Einführung durchsetzen wollen. Ihr Ehrgeiz kann sie leicht in Situationen bringen, sich zu überfordern, einmal dadurch, dass sie sich zu viel Arbeit aufbürdet oder durch ihr Bestreben, anderen überlegen zu sein und dadurch, dass sie sich stets angestrengt nach erfolgsträchtigen Tätigkeiten umsieht. An dieser Stelle gerät sie möglicherweise in Konflikt mit ihren KollegInnen. Weil sie sich so fleißig und engagiert nach dem besonderen umschaut, glaubt sie sich dann auch im Recht, wenn sie es gefunden hat. Fällt die Anerkennung der anderen aus, fühlt sie sich leicht als Opfer, Märtyrerin und sieht die anderen im Unrecht. Auch können es ihr die KollegInnen verübeln, wenn sie sich als die Bessere, Klügere etc. darzustellen versucht. Die geringe Berücksichtigung der Priorität Gefallen wollen lässt darauf schließen, dass Susanne bereits Ausgrenzungen erlebt hat und trotzig mit Rückzug reagiert. Würde es ihr gelingen, ihre Angst vor der Bedeutungslosigkeit zu reduzieren, wäre sie nicht so leicht verletzbar, wenn ihre angestrebte Wunschposition nicht unumstritten ist: sie könnte sich mehr auf andere einlassen und im Miteinander – zwar vielleicht langsamer und nicht unbedingt im vollem Umfang ihrer Wünsche – stabilere Fortschritte erzielen. Susanne zeigt sich bereit zu der Testauswertung Stellung zu beziehen:

Susanne: „Eigentlich konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Priorität „Überlegenheit“ bei mir an erster Stelle und „Gefallen wollen“ an letzter Stelle steht, aber die Beschreibungen über mich und meine Situation an meiner Arbeitsstelle treffen alle zu. Z.B. die Beschreibung, dass ich mich bemühe, meine Arbeit schnell und fehlerfrei zu erledigen, und dass es für mich kein Problem ist, mich ebenso schnell selbst in Stresssituationen hinein zu manövrieren. Auffallend richtig ist auch meine derzeitige Situation beschrieben – „angestrengt nach erfolgsverdächtigen Tätigkeiten umsehen“. Meine Arbeit in der psychologischen Abteilung beschränkt sich auf das Schreiben von Patientenbefunden und beinhaltet weniger organisatorische Arbeit. Mein derzeitiges Ziel ist es, meinen Tätigkeitsbereich zu erweitern – mehr Organisation und Kontakt zu Patienten. Dabei muss ich mich nach interessanten Möglichkeiten umsehen, damit es auch für meinen Kolleginnen und Kollegen in der Abteilung eine wertvollere Arbeit wird und ich es schnell umsetzen kann. Aber auch der Absatz, in dem beschrieben wird, dass es mir meine Kolleginnen verübeln, wie ich darzustellen versuche, stimmt. Als es um die Neubesetzung der Stelle in der psychologischen Abteilung ging, in der ich zu dieser zeit als Vertretung gearbeitet habe, hat eine Kollegin, die ebenfalls Interesse an dieser Stelle hatte, versucht mich sehr unkollegial „auszustechen“. Selbstverständlich reagiere ich darauf mit Rückzug, und meine Priorität „Gefallen“ stecke in diesem Fall ohne Probleme zurück!“

 

Prioritäten-Profil: Brigitte

K    G    B    U

4    3,5  2   1,5

Priorität Kontrolle

Die Priorität Kontrolle liegt bei Brigitte, Mitarbeiterin in einer therapeutischen Abteilung der Klinik, an erster Stelle, dicht gefolgt von der Priorität Gefallen wollen. Diese Kombination erleichtert es Brigitte, Kontakt herzustellen, Einblick und Übersicht – auch über den eigenen Arbeitsbereich hinaus – zu gewinnen und das Geschehen um sie herum zu dirigieren. Als Kollegin wird man ihre Freundlichkeit, Flexibilität, Kompromissbereitschaft, Ausdauer, Gründlichkeit und ihren Fleiß schätzen. Im Notfall wird sie immer bereit sein, einzuspringen, Ordnung in ein Chaos zu bringen, wenn sie sich der Aufgabenstellung gewachsen fühlt. Ihr Eifer anderen zu gefallen und ihre starke Neigung zur Selbstkontrolle können allerdings auch zu einer ausgeprägten Anpassungsbereitschaft führen, die dann eine beeinträchtigte Selbstachtung und Geringschätzung der anderen nach sich zieht. Dadurch, dass persönliche Interessen in den Hintergrund gestellt werden, um den Wünschen der anderen entsprechen zu können, gerät das eigene Persönlichkeitswachstum schnell aus dem Blickfeld. Die Paarung der Prioritäten lässt vermuten, dass Brigitte sich eher durch Zuschauen aus der zweiten Reihe an neue Aufgaben heranwagt und weniger forsch und zielstrebig Herausforderungen annimmt. Wenn sie aber trainiert ist, wird sie gern freiwillig mitmachen, sich in die bestehende Gruppe leicht einfügen und auch durchaus eine Führungsposition einnehmen wollen und sich zugehörig fühlen können, vorausgesetzt, die anderen finden Gefallen an ihr.

 

Beispiel einer Einsatzmöglichkeit der Prioritätenskala

Bernhard Sieland setzte in einwöchigen Trainingskursen zur Selbstermutigung für Lehramtskandidaten neben anderen Übungen die Prioritätenskala ein (vgl. Sieland, 4/1988; 246 – 255).

(Bernhad Sieland, Dr. phil., Dipl. Psychologe, arbeitete am Seminar für Psychologie an der Technischen Hochschule Braunschweig, sein Forschungsinteresse gilt insbesondere Modellen der Analyse und Förderung von Selbstentwicklungskompetenzen.)

Zur Aufgabenstellung gehörten 3 Schritte:
Anhand des Fragebogens wurden zunächst die individuellen Prioritäten analysiert.
Im zweiten Schritt sollten die Teilnehmer im Zeitraum von einer Woche spezifische Gewohnheiten als auch deren persönliche und soziale „Kosten und Nutzen“ einschätzen. Im dritten Schritt suchten sich die Teilnehmer einige Mutproben (perceptuelle Alternativen) heraus, die sie bestehen wollten; d.h. in einem übersehbaren Rahmen sollten die persönlichen defensiven Katastrophenphantasien („…das will ich unbedingt vermeiden, weil…“) einer Realitätsprüfung unterzogen werden. Im Verlauf des Kurses wurde dann die individuelle Selbstermutigung trainiert: z.B. Teilnehmer mit der Priorität „Gefallen wollen“ versuchten sich in konstruktiver Kritik, nahmen sich zurück in unnötiger Hilfeleistung und probierten einseitige Wünsche abzuweisen. Sie erfuhren dabei, wie durchgängig ihre Angst von anderen abgelehnt zu werden, das eigene Verhalten lenkt und lernten diejenigen, die sich weniger defensiv um Anerkennung bemühten, neu einzuschätzen. Bernhard Sieland beschreibt, dass diese Übungsreihe von den Kursteilnehmern als eine Art Gordischer Knoten, als eine zentrale Übung des Kurses erlebt wurde.

In der dargestellten Form kann die Prioritätenskala auch in Supervisionsprozessen angewendet werden.

So entstand zum Beispiel nach der individuell durchgeführten Analyse in der genannten Klinik zum Zweck der Demonstration für die vorliegende Arbeit ein lebhaftes Interesse bei den befragten Mitarbeiterinnen an einer Weiterarbeit und Intensivierung.

Nicht nur in der Einzelsupervision, sondern auch in der Teamsupervision und –entwicklung erscheint mir die Benutzung des Fragebogens sinnvoll zu sein. Die Orientierung „wie wirkt meine Priorität im Verhältnis zu meinem Kollegen“ mit den Punkten:

  • was will ich erreichen
  • was will ich vermeiden
  • was kostet mich mein Verhalten
  • wie fühlen sich die anderen dabei

verhilft zu wertvollen Hinweisen, die die Arbeit an einer Atmosphäre der gegenseitigen Toleranz und Akzeptanz fördern

Zur Anwendung des Fragebogens gibt Schoenaker zu bedenken:
Mehr als ein Hilfsmittel zum Gesprächseinstieg im Bewusstsein: `Alles kann auch anders sein`(Adler), kann der Prioritätenfragebogen nicht sein. Das Verständnis für die Priorität des Patienten und seine Problemfelder kann in der Therapie die Erarbeitung von Lebensstilaspekten nicht ersetzen, aber das Gespräch kann gezielter angesetzt und die therapeutische Beziehung in kürzerer Zeit hergestellt werden. Der Zusammenhang Problem/Lebensstilaspekt wird leichter erfasst. die Selbstverantwortung für Ziel und Methode verstanden; das Bewusstsein für den zu zahlenden Preis geweckt“ (Schoenaker, 1984; 15).

Im Weiteren warnt er eindringlich vor Stigmatisierungen, insbesondere weil sich im deutschsprachigen Raum die Verwendung der Etikette „Überlegenheitstyp“, „Bequemlichkeitstyp“ etc. eingeschlichen hat: „Diese Etiketten oder Stigmas bedeuten für viele Patienten ein unabänderliches Schicksal oder eine Entschuldigung für ihr Verhalten. Sie wirken eher konservierend, als dass sie seine Flexibilität und sein kreatives Denken fördern. Auch der Therapeut, der der Meinung ist, dass der Mensch seine Priorität nicht ändern kann, soll aus Respekt vor der vielschichtigen Einzigartigkeit der menschlichen Persönlichkeiten seinen Patienten nicht auf so wenig sagende Begriffe festlegen “ (ebd.).

Skeptiker, die jegliche Hilfsmittel in Beratung und Therapie ablehnen, erinnert Schoenaker an Adlers Hinweis: „seine Sache auf nichts zu stellen“ und ergänzt mit eigenen Worten „seinen kühlen Kopf mit einem warmen Herzen“ (ebd.) bereichern. Nur so kann jede Methode, jedes Hilfsmittel optimal eingesetzt werden.