Etappen des Ermutigungsprozesses

Etappen des Ermutigungsprozesses

1. Das Wahrnehmen und Akzeptieren von alternativen Möglichkeiten bezüglich eigener Zielvorstellungen und Handlungsspielräume ist in den Etappen des Ermutigungsprozesses nach Losoncy (1983, vergl. Sieland, 4/1988; 250) die wichtigste Ziel im Ermutigungsprozess. Das Kennenlernen zusätzlicher Reflexmethoden, das Erarbeiten eigener und fremder Lebensstilelemente, der ermutigende Umgang mit den ande­ren Supervisions-teilnehmern verhelfen dazu, persönliche Sichtweisen und Stellungnahmen zu beurteilen. Sieland empfiehlt für diesen Schritt das improvisierte Handeln nach fixierten Rollen von Kelly (1955), um in spielerischer und handelnder Form Veränderbarkeit erlebbar zu machen und neue Möglichkeiten einzuüben, bevor kompliziertere Selbstverände­rungen beschlossen werden.

Als Beispiel dient das nachstehende Rollenspiel:

Spielregel:

A. Wähle für Dich einen attraktiven Namen, z.B. Stephanie.
B. Überlege, welche guten Eigenschaften Dein zweites Ich Stephanie haben soll. Sie soll keine Superfrau sein, aber ein ansprechendes Vor­bild mit kleinen Schwächen, z.B. sie ist freundlich – weiß aber auch, was sie selbst will. Sie hört gut zu – aber redet anderen nicht nach dem Mund. Sie traut sich etwas zu – ist aber nicht überheblich. Sie arbeitet konzentriert und gewissenhaft – weiß aber auch, ihre freie Zeit gut zu gestalten.
C. Beschreibe einzelne Verhaltensweisen, damit Du Dich mit Deinem zweiten Ich näher identifizieren kannst. Welche Gewohnheiten und kleine Schwächen hat Stephanie?
Wie kommt sie morgens zum Dienst?
Wie teilt sie sich ihre Arbeit ein?
Welche Arbeiten erledigt sie gerne, wie begründet sie das?
Wie geht sie mit den Kollegen und Kolleginnen um?
Wie spricht sie mit Klienten? Wie sieht sie die Klienten dabei an?
D. Wähle einen Erinnerungsgegenstand, der Dich daran erinnert, dass Du auch wie Stephanie sein könntest, z.B. einen Ring, einen bestimmten Füller, wechsle die Farbe Deiner Tinte, räume Dein Zimmer oder Dei­nen Schreibtisch, Dein Bücherregal in einem Teilbereich anders ein.
E. Versuche nun stundenweise in die Rolle der Stephanie zu schlüpfen. Übernimm ihr Begrüßungsritual, benutze ihre Art, den Frühstückskaffee zu kochen, ihre Gewohnheiten beim Telefonieren, ihre Bewegungen. Wichtig ist dabei, dass Du noch keine schweren Veränderungen vor­nimmst.
F. Wenn Du Dich in Deiner Wahlrolle wohlfühlst, kannst Du mit Stepha­nie besprechen, was sie von einem Deiner Vorsätze hält. Stell Dir vor, dass Stephanie darin eine für Dich erstrebenswerte Haltung einnimmt. Diskutiere mit ihr, wie es ihr gelingt, sich so zu verhalten, und was sie von Deinen Bedenken und Schwierigkeiten in dieser Sache hält. Lass Dir von ihr zeigen, wie sie sich in solchen Situationen verhält, was sie denkt, empfindet, tut und wie sie innere Widerstände gegen dieses Ver­halten überwindet. Verwirkliche zunächst in der Rolle von Stephanie Deinen Vorsatz. Anschließend lass Dich von ihr ermutigen, wenn Du persönlich diese kritische Situation bewältigst! (in Anlehnung an Sie­land, 1988; 82/83)

2. Die Selektionsmotivation (vergl. Kuhl 1985) wird durch das (Wieder-) Entdecken alternativer Wege angeregt.
Der Supervisand entscheidet sich für die Variante, die ihm am aussichtsreichsten und überzeugendsten erscheint. Der Supervisor geht davon aus, dass der Supervisand selbst am besten weiß, welche Fähigkeiten in wel­chem Bereich er mit welchem Einsatz (Energie, Risiko und Zeitaufwand) einüben möchte.

Die Selektionsmotivation zählt als einleitender Schritt zur
3. Durchfüh­rungsmotivation. Mit der Konzipierung und dem Ausprobieren aussichtsreich erscheinender alternativer Möglichkeiten wird es sich erweisen, inwieweit die neugewonnenen Einsichten einer Realitätsprüfung standhalten.