Kompetenztraining

Kompetenztraining zur (Selbst-) Ermutigung

Prinzipiell ist davon auszugehen, dass Kompetenztraining, also das Erwerben und Einüben generel­ler (Selbst-)Ermutigungskompetenzen wirksamer ist als das isolierte Trai­ning spezifischer Entwicklungsschritte, da es umfassender Einfluss nimmt.

Sieland (ebd.) entwickelte auf dieser Grundlage ein Kompetenztraining zur Stabilisierung der Ermutigung mit den Schwerpunkten

a) Training von Selbstdiagnosen mit dem Ziel der Aufmerksamkeitserhöhung
Der Effekt liegt darin, dass die gesteigerte und gelenkte Aufmerksamkeit gleichermaßen eine Beunruhigung als auch eine Motivation hervorruft; beides beeinflusst das zukünftige Verhalten: Werte und Zielvorstellungen werden überdacht, Veränderungen erwogen.

Als Methoden eignen sich Tagebuchführungen, Beschäftigungs- und Stim­mungsprotokolle, Zeitaufwandsprüfungen, Selbstgespräche, biographische Lebenskurven, entsprechend der jeweiligen Fokussierung.

Entmutigten Supervisanden, die den Eindruck haben, alles ist nur noch negativ, könnte vorgeschlagen werden, Tagebuch über ein Erlebnis pro Tag zu führen mit folgender Anleitung:

Wähle ein Ereignis des heutigen Tages aus. Mache Dir schriftlich Gedanken darüber und ziehe für Dich mögliche Konsequenzen dar­aus.
Vielleicht fällt es Dir zunächst schwer, Erlebnisse und ihre jewei­lige Bedeutung für Dich zu entdecken. Lass Dich dadurch nicht entmutigen. Probiere bis zur nächsten Supervisionssitzung, fünf bis zehn Minuten Deines Arbeitstages für die Reflexion Deiner Erfah­rungen einzusetzen.

Das Erlebnis, meine Gedanken und Konsequenzen:
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(vergl. Sieland, 1988; 113)

 

b) Training der Wertereflexion
Bei dieser Übung sollten Ambivalenzen der bisher angestrebten Ziele und Methoden erkundet werden, u.a. anhand der Prioritätsskala von Schoen­aker (vergl. Kap. 3.), um spezifische Gewohnheiten als auch deren indivi­duelle und soziale Kosten und Nutzen zu analysieren. Im Anschluss an die Auswertung können selbstgewählte Mutproben (perceptuelle Alternati­ven) in Form eines Realitätstests, indem die individuellen Katastrophen­phantasien überprüft werden, stattfinden. Eine Person mit der Priorität „Gefallen wollen“ trainiert sich in konstruktiver Kritik, übt sich in unnöti­ger Hilfestellung zurückzunehmen, bemüht sich, einseitige Wünsche und Forderungen abzuweisen.

Praxisbeispiel
Eine Supervisandin berichtet in einer schriftlichen Reflexion über ihre Erfahrung:

Thema der Supervisionsstunde: Gefallen wollen
„In der ersten Supervisionsstunde erzählte ich meiner Supervisorin, dass ich seit einigen Wochen mein Praktikum im allgemeinen Sozialdienst des Jugendamtes mache und zwei Männer als Praxisanleiter habe. Dieses ergibt sich aus der Aufteilung der Doppelbezirke, d.h. dass immer zwei Sozialarbeiter zusammen einen Bezirk haben. Da sich beide auch ein Büro teilen, übernahmen auch beide gemeinsam meine Praktikumsleitung. Ich teilte meiner Supervisorin mit, dass mir in der Kommunikation mit den beiden Sozialarbeitern aufgefallen sei, dass ich mich ihnen gegenüber immer von der besten Seite zeigen würde. So fühlte ich mich meist gar nicht als Praktikantin, sondern ließ hier und dort mein Wissen einfließen und vertrat meine Position in Bezug z.B. auf die weitere Vorgehensweise bei bestimmten Klienten. Ich hatte den Eindruck, dass ich mit der Rolle der Berufskollegin stark identifiziert war und mir die Praktikantenrolle überhaupt nicht lag. Dieses merkte ich zum Beispiel daran, indem ich mir kurz Dinge erklären ließ, dann jedoch den Anspruch an mich stellte, gleich alles richtig zu machen. Dadurch entstand ein psychischer Druck, der mir wenig Raum für neue Erfahrungen ermöglichte, sondern vielmehr war ich auf positive Feedbacks aus. Da ich dieses jedoch als Einseitigkeit empfand, brachte ich dieses Thema in die Supervision ein.

Nachdem sich meine Supervisorin meine geschilderten Verhaltensweisen angehört hatte, stellt sie mir die Prioritätstheorie von Kfir und Pew vor. Anschließend forderte sie mich auf, mich spontan einer Priorität zuzuord­nen. Dieses fiel mir nicht schwer, denn ich fand mich sofort im „Gefallen wollen“ wieder. Auch, dass die Priorität „Kontrolle“ eine wesentliche Rolle spielt, war mir sehr deutlich. Anhand eines speziellen Fragebogens konnte ich überprüfen, ob meine Selbsteinschätzung richtig eingestuft war, was die ausgerechnete Skala dann auch bestätigte.

Ich wurde nachdenklich, und viele Fragen gingen mir durch den Kopf. So z.B.: Kenne ich das „Gefallen wollen“ aus meiner Kindheit? Ist der Preis für das „Gefallen wollen“ zu hoch?
Was will ich damit vermeiden?
Welche Alternativen stehen mir zur Verfügung?
Wovor schütze ich mich, wenn ich mich und andere Menschen und auch Situationen kontrollieren muss?
Was würde schlimmstenfalls geschehen, wenn ich meinen Kollegen nicht immer gefalle?

Für die nächste Supervisionsstunde habe ich mir dann einige Situationen aus meiner Kindheit überlegt, wo es meine Intention war, meinen Mit­menschen zu gefallen. Diese Erlebnisse haben wir uns dann gemeinsam angesehen, und mir ist dabei klar geworden, wie wichtig es für mich war, meinem Vater als Mädchen zu gefallen. Er hatte sich nämlich einen Sohn gewünscht. Ein Sohn konnte ich ja nicht für ihn sein, deshalb musste ich mich um so mehr anstrengen, ihm zu gefallen. Heute habe ich immer noch das Gefühl, ich muss mich sehr bemühen, anderen Menschen zu gefallen.

Während des Praktikums fiel es mir dann immer wieder auf, an welchen Stellen ich diese Priorität an den Tag legte. Dabei erwies es sich als hilfreich, dass ich keine Beurteilung des Praktikums für die Hochschule benötigte, denn so konnte ich einige neue Verhaltensweisen ausprobieren, ohne Angst haben zu müssen, dass diese bewertet werden.

Auch in meinem Alltag profitiere ich von diesen Supervisionsstunden, denn das „Gefallen wollen“ wurde mir bewusst und ermöglichte mir, Alter­nativen in Bezug auf das Verhalten kennenzulernen und einen breiteren Handlungsspielraum zu haben.“

c) Training realistischer Planung von Vorsätzen
In diesem Trainingsgebiet sollen Entwicklungsaktivitäten bezüglich ihrer Erfolgsmöglichkeiten und Anwendungsbereiche abgeschätzt werden. Unerfüllbare Vorsätze und Forderungen gilt es zu vermeiden, Entwick­lungsgrenzen zu akzeptieren,
z.B. Vorsatz des Heimleiters: Ich will die Kinder nie mehr anschreien!
Irrtum: Alte Verhaltensweisen vermeiden, ohne sie durch neue Möglichkeiten zu ersetzen, ist nicht durch­führbar.
Idee: Wenn ich schreien will, atme ich zunächst tief durch und überlege…

d) Training von Selbstinterventionen
Erfolgreich wird ein Ermutigungstraining dadurch, dass Entwicklungsim­pulse an der notwendigen Stelle gegeben werden.
Jemand, der dazu neigt, sich selbst zu überfordern, könnte mit einer Beschäftigungs- und/oder Zeitanalyse beginnen, seine Prioritäten zu überden­ken, ect.

e) Training im sozialen Stützsystem
Entmutigung ist ein psychosoziales Problem und muss dementsprechend durch ein soziales Kompetenztraining behoben werden (Sieland ebd; 251).

Aronson u.a. (1983, vergl. Sieland, ebd.) zählen in diesem Zusammen­hang grundsätzliche Kompetenzen sozialer Ermutigung auf:
• die individuelle Bereitschaft, sich mitzuteilen;
• emotionale und sachliche Anerkennung;
• emotionale und sachliche Herausforderung;
• empathisches Aufeinander eingehen;
• kritische Auseinandersetzung mit gemeinsamen Erfahrungen.

In einem Supervisionsprozess, der mit einem Ermutigungsprozess identisch ist, verhilft eine permanente Übung im gegenseitigen Geben und Anneh­men im beschriebenen Kompetenztraining zu einer übergreifenden Selbstwert­stabilisierung der beteiligten Supervisanden.

Nächster Abschnitt —> Interventionsstrategien im Vergleich zur Ermutigung