Versuch einer Systematisierung

Versuch einer Systematisierung der Ermutigung

Individualpsychologische Autoren wie Andriessens (1979), Heisterkamp (1981), Dreikurs (1970), Ackerknecht (1982), Antoch (1981) bemühen sich ansatzweise um eine Systematisierung der Ermutigungsmethode. In Ermangelung einer ausreichend empirisch abgesicherten Analyse des Ent­stehens, Auftretens und der Beeinflussung problematischer menschlicher Verhaltensweisen griff Antoch für einen weiteren Versuch, Ermutigung als Interventionsstrategie transparenter zu gestalten, auf ein Modell zurück, das Heider 1958 auf der Basis gesammelter Alltagsbeobachtungen im Vor­feld zu einer Persönlichkeits- und Handlungsforschung erarbeitete (Heider, 1958; vergl. Antoch, 1981; 143 ff.). Es handelt sich dabei um eine Syste­matisierung von Konzepten, denen die zwischenmenschlichen Verhaltens­weisen zugeordnet werden können. Im Einzelnen benennt er diese Kon­zepte „Lebensraum“ (1), „wahrnehmen“ (2), „verursachen“ (3), „können“ (4), „versuchen“ (5), „wollen“ (6), „erleiden“ (7), „Gefühle“ (8), „gehören“ (9) und „sollen“ (10).

Antoch übernimmt in seinem Versuch die Heiderschen Konzepte und passt Voraussetzungen und Konsequenzen für den Prozess der Ermutigung entspre­chend ein. In Modifizierung für das Anwendungsgebiet Supervision wird dieser Überblick nachfolgend dargestellt. Die Heiderschen Konzepte sind vorangestellt. Zugeordnet beschreiben die jeweils zugehörigen Handlungsweisen für den Prozess der Ermutigung, die entsprechenden Zielvorstellungen und die spezifischen Vorausset­zungen für einen erfolgversprechenden Versuch der Ermutigung. Um einen gelungenen Ermutigungsversuch von einem misslungenen diffe­renzierter abgrenzen zu können, werden Handlungskonsequen­zen eines misslungenen Versuchs aufgezeigt (vgl. Antoch, 1981; 144).

Als Operationalisierung dieses Modells schlägt Antoch einen Beobach­tungs- oder Fragebogen vor, in dem Ratsuchende im Anschluss an Bera­tungs- oder Therapiestunden Voraussetzungen des Ermutigens und Zielsetzungen der Ermutigung einschätzen sollen.

  • Stichwort Lebensraum (1)

    • Ermutigen bedeutet: dass der Supervisor sich im Lebensraum Arbeit des Supervisanden neben (und nicht über!) das Problem stellt.
    • Zielsetzung ist, die Beziehung zwischen dem Supervisanden und seinem Problem zu intensivieren.
    • Zu den Voraussetzungen des Ermutigens zählt, dass der Supervisor sich in die Problemsituation des Supervisanden einfühlen kann.
    • Der Versuch einer Ermutigung ist gescheitert, Wenn die Beziehung zwischen dem Supervisanden und seinem Problem weiterhin ge-schwächt wird oder auf den Supervisor übertragen wird.
  • Stichwort Wahrnehmung (2)

    • Ermutigen bedeutet: Austausch und Überprüfung von Wahrnehmungen; Betonung von vorhandenen Lösungsansätzen.
    • Zielsetzung ist, durch Ergänzung der Wahrnehmung das Problem zu präzisieren.
    • Zu den Voraussetzungen des Ermutigens zählt, dass der Supervisor dem Supervisanden sein Interesse vermitteln kann.
    • Der Versuch einer Ermutigung ist gescheitert, wenn der Supervisor sich in der Problemsituation des Supervisanden verfängt und/oder mit ihm um die richtige Sichtweise kämpft.
  • Stichwort Verursachung (3)

    • Ermutigung bedeutet: Die lebensstil-typischen Anteile des Supervisanden an seinem Problem herausarbeiten, ohne ihn zum Schuldigen zu machen.
    • Zielsetzung ist, die Kompetenzen des Supervisanden für Problemlösungen erweitern.
    • Zu den Vorausetzungen des Ermutigens zählt, dass der Supervisor den Supervisanden prinzipiell als kompetent und dement-sprechend gleichwertig behandelt.
    • Der Versuch einer Ermutigung ist gescheitert, wenn der Supervisand nicht sich, sondern den Supervisor als Problemlöser empfindet.
  • Stichwort Können (4)

    • Ermutigen bedeutet: das prinzipielle Können des Supervisanden zu betonen und durch Vertrauen in seine Fähigkeiten, das Selbstvertrauen schaffen/erhöhen.
    • Zielsetzung ist, dass der Supervisand sich als Person erlebt, die sich verändern kann.
    • Zu den Vorausetzungen zählt, dass der Supervisor auf das Können des Supervisanden prinzipiell vertraut.
    • Der Versuch einer Ermutigung ist gescheitert, wenn der Supervisand seine Schwierig-keiten und Unzulänglich-keiten als „angeborene“ Unfähigkeiten bezeichnet.
  • Stichwort Versuchen (5)

    • Ermutigen bedeutet: zu weiteren Versuchen (Erfolgsmotivation) motivieren.
    • Zielsetzung ist, dass der Supervisand den Versuch ebenso hoch bewertet wie den Erfolg.
    • Zu den Vorausetzungen zählt, dass der Supervisand den Versuch ebenso hoch bewertet wie den Erfolg
    • Der Versuch einer Ermutigung ist gescheitert, wenn der Supervisand seine Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten als unveränderbar betrachtet.
  • Stichwort Wollen (6)

    • Ermutigen bedeutet: Motivationsansätze des Supervisanden zu erspüren und zu verstärken.
    • Zielsetzung ist, dass der Supervisand sich in seinen Zielen verstanden und zumindest bereichsweise akzeptiert fühlt.
    • Zu den Vorausetzungen zählt, dass der Supervisor die Ziele des Supervisanden erkennt und versteht.
    • Der Versuch einer Ermutigung ist gescheitert, wenn der Supervisand handelt, weil der Supervisor die Situation so manipuliert hat.
  • Stichwort Erleiden (7)

    • Ermutigen bedeutet: bei Rückschlägen / Teilerfolgen zum Lernen aus Fehlern anregen und Anknüpfungsbemühungen zu neuen Versuchen hervorheben.
    • Zielsetzung ist, dass der Supervisand mögliche Rückschläge nicht als Beweise seiner Unzulänglichkeit verarbeitet.
    • Zu den Vorausetzungen zählt, dass der Supervisor die Erfolgs- und Misserfolgskriterien des Supervisanden bekannt sind.
    • Der Versuch einer Ermutigung ist gescheitert, wenn der Supervisor den mühsamen Weg zur Problemlösung nicht anerkennt oder Misserfolge glorifiziert.
  • Stichwort Gefühle (8)

    • Ermutigen bedeutet: die Gefühle, vor allem die Bewertungen und Selbstbewertungen vom Supervisanden genauso wichtig zu nehmen wie die eigenen.
    • Zielsetzung ist, dass der Supervisand seine Gefühle ohne Angst annehmen und mit ihnen leben (sie verändern) kann.
    • Zu den Vorausetzungen zählt, dass der Supervisor die Gefühle des Supervisanden erkennt und achtet (Empathie), und in Be-ziehung zu seinen eigenen Gefühlen bleibt (Echtheit).
    • Der Versuch einer Ermutigung ist misslungen, wenn die Gefühle des Supervisanden oder des Supervisors absolut gesetzt werden.
  • Stichwort Gehören (9)

    • Ermutigen bedeutet: darauf achten, das dem Supervisanden das Problem und der Erfolg gehören.
    • Zielsetzung ist, die Beziehung vom Supervisanden zur Sache verstärken: Sachbezogenheit als Bedingung für ein ausgewogenes Selbstwertgefühl.
    • Zu den Vorausetzungen zählt, dass der Supervisor sich das Problem, nicht zu eigen macht.
    • Der Versuch Ermutigung ist gescheitert, wenn Supervisand glaubt, das Problem gehöre ihm, die Lösung falle dem Supervisor oder anderen Bedingungen zu.
  • Stichwort Sollen (10)

    • Ermutigen bedeutet: das Handeln des Supervisanden an der Einsicht in die gesamte Problemlage und nicht an irgendeinem davon abhängigen Ideal auszurichten.
    • Zielsetzung ist, Eigenverantwortlichkeit bewirken.
    • Zu den Vorausetzungen zählt, dass der Supervisor den Supervisanden nicht von den eigenen Normen und Werten überzeugen will, sondern ihn am Aushandeln als Kooperationspartner beteiligt.
    • Der Versuch Ermutigung ist gescheitert, wenn der Supervisand sein Handeln an ichbezogenen Normen oder am Kriterium des geringsten Widerstands (z.B. soziale Erwünschtheit) orientiert.