Gemeinschaftsgefühl

Entstehungs­geschichte und Bedeutung des Begriffs ›Gemeinschaftsgefühl‹

Die große Wende erfuhr die Individualpsychologie nach Adlers Rückkehr aus dem 1. Weltkrieg. Beeinflusst von seinen Kriegserlebnissen wich Adler von seiner individualistischen Tiefenpsychologie, die individuelle Grundsätze wie Minderwertigkeitsgefühl, Macht- und Geltungsstreben als zentralen Untersuchungsgegenstand beinhaltete, ab und näherte sich dem humanistischen Gedankengut. Die soziale Gleichwertigkeit der Menschen wurde der Mittelpunkt seiner weiteren Arbeit; die „eiserne Logik des Zusammenlebens“ der Maßstab, an dem er menschliches Verhalten messen wollte. Das „Gemeinschaftsgefühl“ entwickelte sich zum Grundpfeiler der Individualpsychologie.

Die zweite Auflage seines Buches ÜBER DEN NERVÖSEN CHARAK­TER im Jahre 1919 leitete Adler mit folgenden Worten ein:

»Zwischen den beiden Auflagen dieses Buches liegt der Weltkrieg mit sei­nen Fortsetzungen, liegt die furchtbarste Massenneurose, zu der sich unsere neurotisch-kranke Kultur, zerfressen von ihrem Machtstreben und ihrer Prestigepolitik, entschlossen hat. Der entsetzliche Gang der Zeitereignisse bestätigt schaurig die schlichten Gedankengänge dieses Buches. Und er entschleiert sich als das dämo­nische Werk der allgemein entfesselten Herrschsucht, die das unsterbliche Gemeinschaftsgefühl der Menschheit erdrosselte oder listig missbraucht. … In unserem Sinne einen Menschen schauen und erkennen heißt: ihn den Verwirrungen seines wunden, aber ohnmächtigen Gottähnlichkeitsstreben entreißen und der unerschütterlichen Logik des Zusammenlebens geneigt zu machen, dem Gemeinschaftsgefühl.« (Adler 1919, zit. in Rattner, Josef; 1972; 42/43).

1918 erstmalig terminologisch in Adlers politischem Aufsatz „Bolschewismus und Seelenkunde“ erfasst, erlebt das Gemeinschaftsgefühl eine wechselvolle Entwicklung. Zunächst versteht Adler das Gemein­schaftsgefühl als ein angeborenes Gegenmotiv zum Macht- und Geltungs­streben und aus einem intrapsychischen Konflikt heraus das menschliche Handeln. „Unsere Individualpsychologie hat … den Nachweis erbracht, dass die Bewegungslinie des menschlichen Strebens zunächst eine Mischung von Gemeinschaftsgefühl und Streben nach persönlicher Überlegenheit ent­springt. Beide Grundfaktoren zeigen sich als soziale Gebilde, der erste als angebo­renes, die menschliche Gemeinschaft festigend, der zweite anerzogen, als naheliegende allgemeine Verführung, die unabhängig die Gemeinschaft zu eigenem Prestige auszubeuten trachtet“ (Adler 1920, zit. in Wörterbuch der Individualpsychologie, 1985; 160).
Dieses konflikttheoretische Erklärungsmodell für menschliches Verhalten, das die Entwicklung der Individualpsychologie bis 1928 hin begleitete, ersetzte Adler durch seine Theorie von der „Einheit der Person“, die die Zusammengehörigkeit sämtlicher Funktionen menschlichen Lebens postu­liert; und das „angeborene Gemeinschaftsgefühl“ wurde „eine angeborene latente Kraft, die bewusst entwickelt werden muss, eine Kraft in der Anlage des Menschen, die ihn befähigt, sich in seiner sozial strukturierten Umwelt zu orientieren (Adler 1929, zit. in Ansbacher, 1972; 141).

In seiner weiteren Bestimmung kennzeichnet das Gemeinschaftsgefühl im Denken, Fühlen, Wollen und Handeln eine Bewegung von unten nach oben, die Adler charakterisierte als ein Streben nach Überwindung und Vervollkommnung (vgl. Kap. 2). Das Gemeinschaftsgefühl begegnet die­sem Streben mehrdimensional: Zum einen mit der Annahme, dass der Mensch Teil einer größeren Einheit ist und als dieser ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt und im Weiteren mit einer Einfühlungs- und Kooperationsfähigkeit, die immer den Nutzen für diese größere Einheit zum Ziel hat.

Alle vier Dimensionen des Gemeinschaftsgefühls sind miteinander ver­knüpft und im Zusammenhang zu betrachten.
In seiner letzten großen Schrift DER SINN DES LEBENS, 1933, noch vor Beginn der Nazizeit erschienen, resümiert Adler:
»Was in der Gegenwart auf uns lastet, stammt aus dem Mangel sozialer Durchbildung. Was in uns drängt, um auf eine höhere Stufe zu kommen, von den Fehlschlägen unseres öffentlichen Lebens und unserer Persönlich­keit frei zu werden, ist das gedrosselte Gemeinschaftsgefühl. Es lebt in uns und sucht, sich durchzusetzen, es scheint nicht stark genug zu sein, um sich trotz aller Widerstände durchzusetzen. Es besteht die berechtigte Erwartung, dass in viel späterer Zeit, wenn der Menschheit genug Zeit gelassen wird, die Kraft des Gemeinschaftsgefühls über alle äußeren Widerstände siegen wird. Dann wird der Mensch Gemeinschaftsgefühl äußern wie Atmen« (Adler, 1990; 172).

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