Angeborene-latente-Kraft

Das Gemeinschaftsgefühl als angeborene latente Kraft

Die Notwendigkeit der menschlichen Gemeinschaft für die Selbsterhaltung des Menschen ist der Ursprungsgedanke Adlers für seine Annahme, dass der Mensch eine angeborene Möglichkeit zum sozialen Wesen in sich trägt.

In seinem Buch ›Das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes‹ weist Adler erst­malig darauf hin, »dass der Mensch als soziales Wesen zur Welt kommt, als ein Wesen, das auf Zusammenleben und Zusammenwirken mit anderen angelegt ist« (Adler 1908, zit. in Metzger 1972; 22).

Er erklärt: »Der hohe Grad an Kooperation und der Gesellschaftskultur, die der Mensch für seine bloße Existenz braucht, verlangt ein spontanes soziales Bemühen« (Adler 1929, zit. in Ansbacher, 1972; 141).

Entwicklungspsychologisch betrachtet, entfaltet sich das Gemeinschafts­gefühl – eng verknüpft mit der Herausbildung des Lebensstils – im Unbe­wussten, pränatal und in der frühen Kindheit. In dieser Annahme Adlers drückt sich der tiefenpsychologische Charakter des Gemeinschaftsgefühls aus. Seine individuelle Ausprägung erwirbt das Gemeinschaftsgefühl durch beeinflussende Faktoren wie der vorgeburtlichen Verbundenheit mit der Mutter, dem Geburtstrauma, der anfänglichen Symbiose mit den primären Bezugspersonen, der Loslösung und Verselbständigung des Kindes, dem Spracherwerb, der zunehmend bewussteren Stellungnahme des Kindes in den zwischenmenschlichen Beziehungen, der Annahme und Verinner­lichung sozialer Rollen. Adler betonte insbesondere die große Bedeutung, die den primären Bezugspersonen zukommt. Der Grad ihres Gemeinschaftsgefühls bestimmt entscheidend die zukünftige Bezogenheit des Kindes auf seine soziale Umwelt. In gleichem Maße weist er darauf hin, dass das Kind mit der ihm eigenen schöpferischen Kraft seine Umwelt wahrnimmt, versteht und interpretiert. Das Gemeinschaftsgefühl kann „… erst lebendig werden im sozialen Zusammenhang, freilich nur in der Weise, wie das Kind den sozialen Zusammenhang dunkel versteht. Es liegt die Entscheidung in der schöpfe­rischen Kraft des Kindes, geleitet durch die Außenwelt, durch Erzie­hungsmaßnahmen, beeinflusst durch das Erleben seines Körpers und dessen Wertung“ (Adler 1933, zit. in Ansbacher ebd., 142).

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