Finale Betrachtungsweise

Die finale Betrachtungsweise im ›Lebensstil‹

Angedeutet hat sich im Vorangegangenen eine weitere Spezifik der Indivi­dualpsychologie: der Gedanke einer finalen Ausrichtung des Lebensstils. Im Unterschied zur Psychoanalyse Freuds, die menschliches Handeln auf der Basis einer kausalen Psychodynamik begreift, bei der Ursachen und Anlässe das Individuum zum jeweiligen Handeln motivieren und antrei­ben und die mit der Frage nach dem „Warum?“ eben diese Ursachen erforschen will, setzt die Individualpsychologie bei einer finalen Betrach­tungsweise der Psychodynamik an: „Wir können uns ein Seelenleben nicht vorstellen ohne ein Ziel, zu dem hin die Bewegung, die Dynamik, die im Seelenleben enthalten ist, abrollt“ (Adler, 1976; 3). Adler beobachtete, dass alle menschlichen Verhaltensweisen, Stellungnahmen und Handlungen einem individuellen Persönlichkeitsideal entspringen. Dieses Ideal ist als ein erdachtes, subjektives Ziel – als eine Fiktion- und gleichwohl als ein unbewusstes Ziel zu verstehen. Adler bezeichnet hiermit Scheinbilder oder ersonnene Leitbilder, die das Kind sich in der Auseinandersetzung mit sei­ner sozialen Umgebung schafft. Das Anstreben dieses Zieles wird als die vorherrschende treibende Kraft des Menschen angenommen.

»Im Inneren eines jeden Menschen existiert die Vorstellung eines fiktiven Zieles oder Ideals, das darauf gerichtet ist, über einen gegenwärtigen Zustand hinaus zu kommen und die gegenwärtigen Schwächen und Schwierigkeiten durch die Aufstellung eines konkreten Zieles zu überwin­den« (Adler 1929, hier zit. in Ansbacher, 1975; 110). Das Persönlichkeitsideal ist demnach ein imaginäres Ziel, ein Status der Sicherheit, bei dem all diejenigen Ängste, Schmerzen, Entbehrungen, Bedürftigkeiten und Zwangslagen überstanden sind, die die derzeitige Situation des Individu­ums charakterisieren. Es wirkt infolgedessen im Sinne einer selbstgewähl­ten Ursache. Denn es leitet den Lebensstil, und somit wird der Lebensstil geprägt durch das Ziel, das der Mensch anstrebt.

Paul Rom kommentiert: »Ursachen, die hinter uns liegen, können allein unser Verhalten nicht bewirken. Vielmehr wird das Ziel vor uns, das uns lockt, zu einer neuen entscheidenden Ursache und bestimmt nun alles, was wir fühlen, denken und tun« (Rom 1976; 8). An dieser Schnittstelle wird der kausale-finale Ansatz Adlers deutlich.

Mit der Akzentuierung der Zielgerichtetheit und Zweckgebundenheit menschlichen Verhaltens hat Adler eine neue Orientierung in der Psycho­logie geboten. Titze bezeichnet Adler „als Überwinder des Kausalitäts­dogmas im Bereich der Psychotherapie“ (Titze, 1979; 34). Adler klam­mert den kausalen Aspekt nicht aus, verlagert aber entschieden seine Wirksamkeit: „… die Bedeutung der Kausalität (ist) für das Verständnis des seelischen Geschehens soweit eingeschränkt, dass wir sie wohl voraus­setzen, dass wir sie aber als ungenügend erkennen bezüglich der Aufhel­lung eines seelischen Rätsels und gar zur Vorhersage einer seelischen Stellungnahme“ (Adler 1923, zit. in Ansbacher, 1975; 103).

Adler lehnt „… die Verabsolutierung streng kausal-analytischer Schlüsse von einzelnen Ursachen auf bestimmte Wirkungen ab …“ (Antoch, 1981; 24). Für ihn ist der finale Aspekt die Wurzel des einheitlichen Lebensstils eines Menschen. Einflüsse, denen ein Mensch ausgesetzt ist, begründen zwar seine augen­blickliche Einstellung und Intention, werden in der Individualpsychologie aber nicht als determinierende Ursache akzeptiert. Sich ähnelnde kausale Bedingungen werden jeweils individuell interpretiert und können zu unter­schiedlichen Schlussfolgerungen und Zielsetzungen führen. In welcher Form sich das Individuum mit dem Gefüge der vorgefundenen Umstände auseinandersetzt, sei es in demütigender, gefügiger Haltung oder dominie­rend und avantgardistisch, charakterisiert die individuelle schöpferische Kreativität. Erst die persönliche Stellungnahme macht die Unverwechselbarkeit, die Einmaligkeit des Lebensstils aus.

Für die Individualpsychologie liegt im sozialen Umfeld der Kindheit die kausale Herausforderung zur finalen Ausrichtung des individuellen Bewe­gungsgesetzes. Die subjektive Lage eines Kindes, die auf objektiven Bedingungen beruhen kann, schafft den dialektischen Gegenpol zum Per­sönlichkeitsideal: das sich hilflos fühlende Kind wird ein Streben nach Stärke entwickeln, ein verunsichertes Kind ein Streben nach Sicherheit, ein sich ohnmächtig fühlendes Kind ein Streben nach Macht. In einem neurotischen Lebensstil werden diese Zielpunkte Sicherheit, Macht und Stärke so ausschließlich angestrebt, dass sie zu Trugschlüssen werden.
Eine junge Assistenzärztin beschreibt ihre bisher im Leben eingenommene Position wie folgt: „Ich war bis zur Beendigung des Studiums immer die Schönste, Klügste, Beste und Liebste.“ Hinter diesem Leitbild versteckt sich die große Sehnsucht eines Menschen, in allen Lebenssituationen eine herausragende Stellung einzunehmen. Wie entmutigt muss sich ein kleines Mädchen gefühlt haben, um ein derartig verzerrtes Realitätsbild aufzu­bauen!

Das individuelle Idealbild menschlichen Strebens kann anderen überzogen, unbrauchbar, eingeschränkt, diffus und unlogisch erscheinen; dem einzel­nen dient es aber zur Absicherung seines Selbstwertes und ist in sich schlüssig. Adler spricht hier von der privaten Logik. Fehler, die in einem Lebensstil erkennbar werden, sind nach individualpsychologischer Annahme im Persönlichkeitsideal zu suchen. Sie erklären sich aus der Unerfahrenheit, Unsicherheit und der Tendenz zur Verallgemeinerung in der frühen Kindheit, in der sich der Lebensstil entwickelt.

So war Adler daran interessiert, den Menschen in seiner Bewegungslinie, in seiner Vorwärtsorientierung, in seinen angestrebten Zielvorstellungen zu verstehen: „Die wichtigste Frage des gesunden und des kranken See­lenlebens lautet nicht woher? sondern wohin? Und wenn wir das wir­kende, richtende Ziel eines Menschen kennen, dürfen wir uns anheischig machen, seine Bewegungen, die uns als individuelle Vorbereitungen gel­ten, zu verstehen“ (Adler, 1974; 236).

Adler setzt mit dem finalen Aspekt an die Stelle einer „erklärenden“ eine „verstehende“ Psychologie. Den verstehenden Ansatz konturiert er am deutlichsten in anschließender Bemerkung: „Und so erkennen wir auch, was Psychologie eigentlich ist, nämlich zu verstehen, welchen Gebrauch eine Person von ihren Eindrücken und Erfahrungen macht. Oder mit ande­ren Worten, Psychologie heißt, das Apperzeptionsschema zu verstehen, nach dem das Kind handelt und nach dem es auf Reize reagiert, zu verste­hen, was es von bestimmten Reizen hält, wie es auf sie reagiert und wie es diese Reize für seine eigenen Absichten einsetzt“ (Adler 1976; 173).

Das Ideal eines Menschen muss verstanden werden, um sein Verhalten ein­ordnen zu können. Das Bemühen um dieses Verstehen setzt voraus, dass Berater, Therapeuten und Supervisoren sich nicht nur mit der Vergangen­heit eines Ratsuchenden (Anamnese und Werdensgeschichte) und der aktu­ellen Problematik beschäftigen, sondern interessiert sind, sein Zukunftsziel zu erahnen. Denn nur aus diesem Zukunftsziel heraus ist der Lebenslauf des Individuums, seine unverwechselbare Einmaligkeit erkennbar und werden persönliche Krisensituationen verständlich.

Die erwähnte Assistenzärzten gerät in eine kritische Lage, als sie während des ärztlichen Praktikums und im ersten Assistenzjahr mit ihren trainierten Methoden die bevorzugte Stellung in ihrer neuen Umgebung nicht errei­chen kann: „Jetzt ist alles ganz anders. Mir gelingt nichts mehr. Ich bemühe mich auf allen Ebenen mein Bestes zu geben, keiner lobt mich, niemand liebt mich.“ Mit zögernder Attitüde nimmt sie ihre beruflichen Aufgaben nun wahr; unerledigte Arztberichte häufen sich; sie verspätet sich zu Dienstbeginn, fehlt immer öfter durch Erkrankung; Kritiken von Seiten der Kollegen und Vorgesetzten werden laut. Welchen Weg ein Mensch beschreitet, um seinen Selbstwert abzusichern, beruht darauf, wie überwindbar oder unüberwindbar die Spannung zwi­schen der Selbstwert-einschätzung und dem Persönlichkeitsideal ist. Durch das Scheinerlebnis einer bevorzugten Stellung gelang es der Assistenzärz­tin, ihr bisheriges Leben erträglich zu gestalten. Die neuen Herausforde­rungen aber führten zu einer Eskalation. Erscheint eine Situation unüber­brückbar, bleibt dem Menschen zur Selbstwertsicherung nur der Rückzug. Mit Hilfe einer individualpsychologisch fundierten Supervision konnte die junge Frau ihre irrtümlichen Lebensstilanteile erkennen, annehmen und korrigierend einwirken. Nach und nach gewann sie an Selbstwertgefühl hinzu und konnte ihren selbstauferlegten Rückzug aufgeben.

Allen Menschen gleich ist die Dynamik, in die sie eingebunden sind, der Spannungsbogen zwischen ihrem Selbstwertgefühl und ihrem Streben zu einem ersehnten Persönlichkeitsideal.

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