Menschliches Streben

Das menschliche Streben nach Überwindung von Mangellagen

Das angeführte dynamische Prinzip menschlichen Handelns bildet den Schwerpunkt der ganzheitlichen Betrachtungsweise in der Individualpsy­chologie. Es dient als Basis der Ausdifferenzierung und Fortentwicklung der Menschheit, als Überwindung von Unsicherheiten, Unzulänglichkeiten und subjektiv erlebter Mangellagen und erklärt sich daraus, dass Adler die Natur als etwas akzeptiert, das ständig in Bewegung ist: „Leben heißt sich entwickeln“ (Adler, 1990; 163). Den Evolutionsgesetzen gehorchend, strebt alles Leben zu einem noch unbestimmten Ziel von höherer Voll­kommenheit. Dies gilt für die Menschheit in physischer, psychischer und sozialer Hinsicht.

So ordnet Adler dem Menschen ein angeborenes Streben nach Überwin­dung und persönlicher Vervollkommnung zu: „Angeboren als etwas, was dem Leben angehört, ein Streben, ein Drang, ein Sichentwickeln, ein Etwas, ohne dass man sich Leben überhaupt nicht vorstellen kann“ (Adler 1933, zit. in Ansbacher 1975; 115). Adler beschreibt jede seelische Ausdrucks­form als eine immerwährende Bewegung im Individuum mit dem Ziel, von einer Minussituation zu einer Plussituation zu gelangen, Schwierig­keiten zu überwinden, um sich „stark, überlegen und vollkom­men zu füh­len“, (ebd.). Sie hat folglich kompensatorischen Charakter.

Adler orientiert sich dabei an seiner Annahme: „Menschsein heißt, ein Minderwertigkeitsgefühl zu besitzen, das ständig nach seiner Überwindung drängt“ (Adler, 1990; 55). Das Minderwertigkeitsgefühl ist nach Adler eine der wesentlichen Gegebenheiten des menschlichen Seelenlebens; es stellt sich nicht mehr oder weniger zufällig ein, es ist der menschlichen Natur zugehörig.
Die biologische Minderwertigkeit, die sich insbesondere in der physischen Schwäche des Menschen im Verhältnis zu den gewaltigen Naturgegeben­heiten zeigt, und auch die kosmische Minderwertigkeit, die sich in der menschlichen Kleinheit und der begrenzten Existenz ausdrückt, teilen sich alle Menschen miteinander. Daraus ergibt sich eine Neigung zu Minder­wertigkeitsgefühlen.

Bei einer dritten Art von Minderwertigkeiten steht das einzelne Indivi­duum im Mittelpunkt. Es handelt sich hierbei um die sozialen Minderwer­tigkeiten. Diese beziehen sich auf Dispositionen, Schwächen, Unzuläng­lichkeiten im Leben eines Menschen, die seine Körperlichkeit und seine gesellschaftliche Situation im Blickfeld haben. Eine Vielzahl dieser Min­derwertigkeiten ist objektiv feststellbar: sei es eine angeborene Linkshän­digkeit, ein erblich bedingter Haarausfall, der Verlust des Gehörs als Organminderwertigkeiten, eine schwierige familiäre Situation oder eine belastende Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe als gesellschaftliche Minderwertigkeit.

Das Minderwertigkeitsgefühl aber ist ein subjektives Gefühl. Für seine Entwicklung und Ausprägung haben die konstitutionelle Anlage eines Kin­des und seine jeweiligen Milieueinflüsse nur eine relative, aber keine kau­sal-determinierende Bewandtnis. Ein Kind kann durch angeborene oder in der frühen Kindheit erworbene Organminderwertigkeiten beeinträchtigt sein, entscheidend für das Minderwertigkeitsgefühl jedoch ist die individu­elle Stellungnahme des Kindes zu seiner Behinderung. Fühlt es sich im Vergleich mit anderen benachteiligt, glaubt es weniger wertvoll zu sein als die anderen. Ausgeprägte Minderwertigkeitsgefühle beziehen sich also nicht unbedingt auf reale Minderwertigkeiten, ebenso wie reale Minder­wertigkeiten nicht zwangsläufig Minderwertigkeitsgefühle wecken müs­sen. Das Minderwertigkeitsgefühl nährt sich aus dem Zweifel, den der Mensch an seinem Wert hegt. Je mehr jemand dem eigenen Wert misstraut, desto größer ist sein Minderwertigkeitsgefühl und um so mehr überschätzt er die Fähigkeiten eines anderen. Wenngleich die Beobachtun­gen und Ein­schätzungen eines Menschen stimmen, wie z.B. „ich bin klei­ner als meine Mitschüler“, kann seine Schluss-folgerung, die er aus diesem Vergleich zieht, irrtümlich sein. Wahrend die angenommene Organmin­derwertigkeit lediglich von der Dominanz abweicht, interpretiert der Schüler sie als ein minderes Wertsein: „… deshalb bin ich nicht so gut wie die anderen“. Bereits die Auswahl dessen, was jemand zu einer überwin­denswerten Mangellage zählt, ist personenspezifisch. Auch die Entschei­dung, welche Strategie zur Überwindung sinnvoll erscheint, wird indivi­duell getroffen. Um im vorgenannten Beispiel zu bleiben, könnte der Schüler zur Über­windung seines Minderwertigkeitsgefühls strategisch wie folgt vorgehen: „Wenn ich schon nicht so gut bin wie die anderen, kann ich auch ihre Hilfe in Anspruch nehmen. Schließlich fühle ich mich hilf­los, und sie ver­fügen über Mittel und Wege, mich zu unterstützen“. Ebenso, welche Ver­suche als gelungen oder misslungen beurteilt werden, klärt jedes Indivi­duum für sich selbst. Der Schüler aus meinem Beispiel wähnt seine Bemühungen als erfolgreich, wenn Mitschüler und Lehrer in mitleidsvoller Geste Handreichungen machen und ihn mit Herausforderun­gen verscho­nen.

Die Individualpsychologie arbeitet mit der Hypothese, dass jeder Mensch aufgrund real existierender oder auch irrtümlich ange­nommener Mängel Minderwertigkeitsgefühle hat, die er zu kompensieren versucht. Auch wenn dies dem einzelnen nicht immer bewusst ist, erleben Außenste­hende anhand eindeutiger Signale sein beeinträchtigtes Selbst­wertgefühl:

Die kleingewachsene Stationsärztin steht angestrengt auf Zehenspitzen, während sie für die Visite die Patientenakte in den Händen hält und zusammenfassend Diagnose, Behandlung und Krankheitsverlauf des Pati­enten vorträgt. Wird sie sich ihrer Aufgabe „gewachsen“ fühlen?

Der Leiter eines Kinderheimes ist Legastheniker. Er hat sich ein Schrift­bild angewöhnt, das einzelne Buchstaben nur erraten lässt. Versucht er nicht, eventuelle Fehler zu verbergen?

Ein junger Mann, der während einer Strahlentherapie seine Haupthaare verloren hat, trägt in der Öffentlichkeit ständig einen Hut. Wird er sich nicht schützen wollen vor neugierigen Blicken und Nachfragen?

Jedes Individuum denkt, fühlt, interpretiert und handelt entsprechend sei­ner privaten Logik.
Der Heimleiter könnte denken: „Als Heimleiter dürfte ich keine Unsicher­heiten in der Rechtschreibung haben. Keiner meiner Mitarbeiter würde mich sonst ernst nehmen. Eine schlechte Schrift verzeiht man mir eher als Rechtschreibfehler. So trainiere ich ein Schriftbild, das Fehler unsichtbar macht. Dadurch habe ich meine Schwäche kaschiert und mein Gesicht gewahrt. Meine Überlegenheit, die ich kraft meiner Position innehaben sollte, wird nicht in Frage gestellt.“

Wie der einzelne in seiner Persönlichkeitsentwicklung Gefühle der Min­derwertigkeit und Unzulänglichkeit, gleichgültig, ob es sich nun um tatsächlich vorhandene oder angenommene Schwierigkeiten und Mängel handelt, kompensiert, prägt seinen Lebensstil. Ein gesunder und ein zur Krankheit disponierter Lebensstil divergieren durch das Ausmaß der dia­lektischen Spannung zwischen dem Minderwertigkeitsgefühl und dem kompensatorischen Ziel des Individuums.

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