Persönlichkeitsmodell der vier Prioritäten

Das Persönlichkeitsmodell der vier Prioritäten

Die übereinstimmenden Grundrichtungen, die im lebensstil-typischen Handeln der Menschen zu erkennen sind, werden heute Prioritäten genannt.

Während einer internationalen Fortbildungsveranstaltung für Individualpsychologie 1971 in Israel hat die israelische Individualpsychologin Nira Kfir in einer ersten Fassung die Prioritätentheorie vorgestellt; Bill Pew und Jaqueline Brown entwickelten Kfirs Überlegungen weiter und trugen 1974 auf einer ebenfalls internationalen Tagung in Holland das Persönlichkeitsmodell der vier Prioritäten vor. In Deutschland haben sich insbesondere Schottky und Schoenaker, Titze und Gröner mit diesem Modell beschäftigt und um Transparenz bemüht.

Die Theorie der Prioritätenlehre stützt sich auf die Annahme, dass jeder Mensch prinzipiell über alle menschlichen Verhaltensmöglichkeiten verfügen kann, sich aber eine Priorität herausgreift, die er am höchsten bewertet und am nachdrücklichsten zu erreichen versucht. In seinem Streben nach Vollkommenheit räumt er also einer Priorität eine Vorrangstellung ein, was gleichzeitig beinhaltet, dass er mit allen verfügbaren Mitteln bestrebt ist, den Gegenpol der gewählten Priorität zu verhindern. Mehr oder weniger stark ausgeprägt folgen die anderen Prioritäten unterstützen sich gegenseitig, oder konkurrieren miteinander.

Die Prioritäten korrespondieren in dieser individuellen Ausprägung mit folgenden Zielsetzungen:

Priorität Überlegenheit (U)

„Ich will die Schönste, die Beste, die Schnellste, die Klügste sein, ich will siegen, etwas darstellen, und alles was ich tue, geschieht, damit ich dieses Ziel erreiche!“

Priorität Kontrolle (K)

„Ich suche Sicherheit, geordnete Verhältnisse, Überschaubarkeit, Schutz vor unvorhersehbaren Geschehnissen, und alles, was ich tue, geschieht, damit ich dieses Ziel erreiche!“

Priorität Gefallen wollen (G)

„Ich will, dass mich die anderen Menschen mögen, sie sich nicht gegen mich stellen, und alles, was ich tue, geschieht, damit ich dieses Ziel erreiche!“

Priorität Bequemlichkeit (B)

„Ich will es bequem und angenehm haben, ungehindert das Leben genießen und nicht in Anspruch genommen werden, und alles, was ich tue, geschieht, damit ich dieses Ziel erreiche!“

Übertragen in die Darstellung der Lebensstiltypisierung Adlers zeigt sich folgende Einordnung:

Lebensstile

(vgl. Titze/Gröner, 1989; 230)

Abbildung 3: Typologie der Lebensstilmuster (nach Nira Kfir)

William Pews (Pews, 1978, 124) befasste sich sehr einprägsam mit den einzelnen Prioritäten; die folgende Ausarbeitung entstand analog zu seinen Erklärungen:

Priorität Überlegenheit

Menschen, für die die Priorität Überlegenheit eine Vorrangstellung eingenommen hat, werden mit hohem Engagement, einem großen Verantwortungsbewusstsein, viel Idealismus, Fachkompetenz, Ausdauer und Zielstrebigkeit ihre Lebensaufgaben gestalten.

Sie werden sich als Führungspersönlichkeiten hervorheben, das Außergewöhnliche, das Erfolgsträchtige für sich und ihre Umgebung beanspruchen. Ihre beharrliche Durchsetzungskraft und ihre Kreativität im Aufspüren innovativer Ideen unterstützen sie dabei. Ein besonders erstrebenswertes Ziel wird die Verbesserung der Gesellschaft sein. Mit unermüdlichem individuellem Einsatz legen sie den Zeigefinger in die Wunden der Gesellschaft und mühen sich ab, ihre jeweilige Umgebung für die Gesundmachung zu gewinnen.

Hochgesteckte Ziele können dazu führen, dass sich diese Menschen zu Märtyrern machen und im Leiden ihre Bedeutung erfahren (chronische Überbelastung, sich häufende Enttäuschungen etc.).

Ihre Mitmenschen neigen dazu, sich in ihrer Nähe als unzulänglich und abgewertet zu erleben, sich im Unrecht zu sehen, gegen Schuldzuweisungen anzukämpfen und sich verteidigen zu müssen.

Am meisten wird die eigene Bedeutungslosigkeit gefürchtet. Bei entmutigten Menschen kann dieses in Beziehungsstörungen und Beziehungsunfähigkeit münden.

Priorität Kontrolle

Menschen, für die die Priorität Kontrolle an erster Position steht, zeigen sich gewissenhaft, vorausschauend, planerisch, zuverlässig, verhalten sich in der Regel angepasst und sind in der Lage, andere Menschen zu führen. Ihr Ziel ist es, Übersicht zu bekommen und zu bewahren, Unvorhersehbares abzuwenden, Strukturen zu schaffen und Regelmäßigkeiten einzuführen. Sie neigen zu einer starken Selbstkontrolle und versuchen auch ihre Mitmenschen zu beherrschen. Unter diesen Bedingungen fühlen sie sich sicher und den Lebensaufgaben gewachsen. Bei einer starken Ausprägung der Priorität Kontrolle wirken sie distanziert und perfektionistisch, tendieren sie zu Rationalisierungen, leidet ihre Spontanität und Kreativität. Ihre Umgebung fühlt sich – wie sie selbst auch – eingezwängt in ein starres Regelwerk. Sie reagieren kleinlich, versuchen die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Mitarbeiter und Kollegen einzuschränken oder zu verhindern und vermitteln ihnen das Gefühl, minderwertig und inkompetent zu sein.

Priorität Gefallen wollen

Menschen, bei denen die Priorität Gefallen wollen überwiegend das Verhalten bestimmt, zeigen sich meist freundlich, entgegenkommend, fürsorglich und großzügig. Aufmerksam und einfühlend beobachten sie ihre mitmenschliche Umgebung und sind stets zur Stelle, wenn ein erhöhter Arbeitseinsatz erforderlich ist. Gewand und flexibel stellen sie sich auf ihre Mitmenschen, deren Wünsche und Erwartungen und auf die verschiedenartigsten Situationen ein. Stimmungsschwankungen sind bei ihnen nicht zu befürchten, denn sie haben es gelernt, eine gleichbleibend liebenswürdige Atmosphäre zu verbreiten. So fällt es ihnen leicht, Kontakte zu schließen, unterhaltsam im Mittelpunkt zu stehen, andere Menschen für sich zu gewinnen und diplomatisch konflikthafte Situationen zu regeln. Sie nehmen häufig aber Aufgaben nur deshalb an, um von anderen anerkannt zu werden. Dies kann auf beiden Seiten zu Enttäuschungen und Überforderungen führen. In extremer Form fühlen sich ihre Mitmenschen von ihnen bedrängt und misstrauen zu Recht der freundlichen Fassade, hinter der sich wenig Achtung vor dem anderen verbirgt.

Priorität Bequemlichkeit

Menschen, deren Verhalten vorwiegend durch die Priorität Bequemlichkeit geprägt ist, verbreiten um sich herum eine Atmosphäre der Zufriedenheit, Sorglosigkeit, Gemütlichkeit und Zuversicht. Sie haben gelernt das Leben zu genießen, keine hohen Ansprüche zu stellen, mit wenigem sich und anderen ein angenehmes Dasein zu bieten. Man wird von ihnen keinen außergewöhnlichen Einsatz erwarten können; ihren beschaulichen Rhythmus lassen sie sich nicht stören, sie verzichten eher auf die Anerkennung ihrer Umgebung, als dass sie sich für eine gemeinsame Sache übermäßig engagieren. Sie vermeiden Auseinandersetzungen und Konflikte, achten sorgfältig auf die jeweiligen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten, umgehen Hektik, Stress und Überforderung. Aufgaben, die Ausdauer, Geduld und Flexibilität erfordern, sind nicht ihre Stärke, dafür erledigen sie gerne Arbeiten, die routinierte Abläufe garantieren und einen ruhigen und gelassenen Umgang voraussetzen. Kollegen können sich in ihrer Nähe erholen und Kraft schöpfen, aber ebenso sich zurückgewiesen fühlen, wenn sie ihre Mitarbeiter erwarten, um gemeinsame Ideen voranzutreiben, sie einspringen oder in fachlichen Diskussionen Stellung beziehen sollen.

Wie beschrieben finden sich in jeder Priorität mögliche positive als auch mögliche negative Aspekte. In der nachstehenden Gegenüberstellung werden diese Aspekte anschaulich demonstriert:

Bequemlichkeit – Mögliche positive Persönlichkeitsaspekte

Ich bin wohlwollend, unbekümmert, nicht anspruchsvoll, nicht fanatisch, nicht trotzig.

Ich kann mich gut einfügen, organisieren, gut wahrnehmen.

Ich habe Ausdauer, Freude am Leben, schaffe eine gemütliche Atmosphäre, schätze das Schöne.

Bequemlichkeit – Mögliche negative Persönlichkeitsaspekte

Ich will nicht warten, meine Befriedigung / mein Vergnügen jetzt, interessiere mich für meine eigene Bequemlichkeit, riskiere keine Enttäuschungen, möchte keine Verantwortung tragen, bin nicht ehrgeizig.

Ich habe wenig Antrieb, ziehe mich vor Konflikten zurück, verstehe mich zu tarnen.

Ich lasse andere für mich arbeiten und lasse andere für mein Wohlbefinden sorgen.

Gefallen wollen – Mögliche positive Persönlichkeitsaspekte

Ich kann gut Kontakt herstellen, gut wahrnehmen, mich gut einfügen.

Ich bin freundlich, ein guter Kamerad, rücksichtsvoll, nicht aggressiv, großzügig, wendbar, kompromissbereit, unterhaltsam, ehrgeizig, ausgleichend.

Ich habe Ausdauer, dipolomatische Fähigkeiten, bringe Sonnenschein, ich mache freiwillig mit.

Gefallen wollen – Mögliche negative Persönlichkeitsaspekte 

Ich habe eine niedrige Selbsteinschätzung, respektiere mich selbst nicht und erwarte keinen Respekt von anderen; fühle mich nur zugehörig, wenn ich gefalle.

Ich mache mich leicht zum Sklaven des Partners, bin nicht besonders mutig; stelle mich hinter anderen zurück; gebe, um zu bekommen.

Kontrolle – Mögliche positive Persönlichkeitsaspekte

Ich kann führen, organisieren, ich bin zuverlässig, pünktlich, gründlich, voraussagbar, ehrgeizig, fleißig, sparsam, selbstbewusst, standhaft, umsichtig, leistungsfähig, bereit, beizutragen.

Ich gehe kein Risiko ein, ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Ich habe Respekt vor Ordnung und Gesetz, ein gutes Auge für Zeit und Einteilung.

Kontrolle – Mögliche negative Persönlichkeitsaspekte 

Ich kontrolliere andere und/oder Situationen; ich übertreibe die Selbstkontrolle, habe oft verkrampfte, stramme Gesichtszüge, andere fühlen sich frustriert und desinteressiert, ich verdränge Gefühle, was zum Unvermögen von Fühlen führt, ich bin in geringem Maße spontan und kreativ, ich wage nichts.

Ich will sicherstellen, dass das Leben mich nicht beherrscht, entmutige andere mit meinem Perfektionismus.

Überlegenheit – Mögliche positive Persönlichkeitsaspekte

Ich kann Verantwortung tragen, führen, gut wahrnehmen, viel leisten, auch im Leiden Bedeutung finden

Ich bin idealistisch, ehrgeizig, fleißig, mutig, bereit beizutragen, genau, ausdauernd.

Ich nehme anderen Verantwortung ab, sorge für sie.

Ich habe verlangen nach Wissen, Gerechtigkeit und Wahrheit, habe Interessen für moralische Fragen, bin aufgeschlossen für Neuerungen.

Überlegenheit – Mögliche negative Persönlichkeitsaspekte

Ich will gerne alles besser wissen, mehr Recht haben, nützlicher sein, ich bin gerne Opfer oder Märtyrer, ich setze mich stark durch, glaube mich selbst im Recht und die anderen im Unrecht.

Ich habe Angst vor Fehlern, tue nur Erfolg verdächtiges, bürde mir gerne zu viel auf, leide unnötig, übertone die Fairness, setze andere herab, beschuldige andere und wecke damit Schuldgefühle.

Diese Ausführungen über die einzelnen Prioritäten und die ausschnitthafte Gegenüberstellung möglicher positiver und negativer Persönlichkeitsaspekte mögen als Einblick in die mannigfaltigen Gestaltungsmöglichkeiten, die ein Mensch für die Ausprägung seines individuellen Lebensstils zur Verfügung hat, zunächst ausreichen.

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