Was sind Fantasiereisen

Fantasiereisen, auch bekannt als Traum- oder Märchenreisen zählen als geführte Assoziationen zu den imaginativen Verfahren. Es sind fantasievolle und fantasieanregende Geschichten zum Träumen und Entspannen. In angenehmer Weise laden sie den Zuhörer ein, seine Achtsamkeit und Konzentration sanft nach innen zu lenken, sich auf den Flügeln der Fantasie auf eine „kleine Reise“ zu begeben, die Kraft spenden und zu positiven Gedanken und Gefühlen verhelfen soll. Die Grenzen zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein verschwimmen und Körper, Geist und Seele können sich regenerieren, sammeln, Ballast abwerfen und neu orientieren.
Sanfte Entspannungsmusik, häufig im Zusammenspiel mit Naturgeräuschen, unterstützt beim Abschalten und Entspannen.

Die Wirksamkeit von Fantasiereisen
Das Besondere an Fantasiereisen ist: sie wirken unmittelbar, ohne dass man langwierige, umständliche Vorbereitungen treffen müsste. Fantasiereisen werden von einem Sprecher vorgelesen oder erzählt (persönlich oder mit Hilfe einer CD) – ein guter Erzähler besticht dabei durch seine angenehm ruhige, warme und wohlwollende Stimme. Als Zuhörer folgt man in Gedanken der Anleitung, in der möglichst viele positive Sinneseindrücke eingearbeitet sind, und lässt seine eigenen Bilder oder Filme vor dem inneren Auge ablaufen. Jede Fantasiereise ist eine Reise ins eigene Ich. So entstehen in jedem Zuhörer individuelle Bilderlebnisse und Wahrnehmungen, die sich aus einer Mischung von visuellen, akustischen, taktilen, geschmacklichen, gerüchlichen und gefühlsmäßigen Eindrücken zusammensetzen können. Damit helfen Fantasiereisen dem Zuhörer einen Zugang zu seiner eigenen inneren, unbewussten Bilderwelt (wieder) zu finden, die eigene Fantasie zu beleben, das Unterbewusstsein zu aktivieren und Ressourcen und Kräfte zu mobilisieren, die ihm im normalen Wachzustand nicht zugänglich wären. Die Sensibilität für die eigenen Wahrnehmungen wird erhöht, das innere Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken, Riechen neu erlebt. Beispiel für den bewussten Einsatz verschiedener Sinneseindrücke in Fantasiegeschichten:

Abendspaziergang durch einen Basar – angelehnt an Else Müller
Visuell: Menschen laufen in langen Gewändern und Turbanen auf dem Kopf geschäftig durch die engen Gassen des Basars. Es zeigt sich dir ein farbiges, lebendiges Bild, buntgewirkte Teppiche liegen und hängen in den Läden, dicht an dicht, du siehst farbiggewebte Taschen aneinandergereiht auf dem steinernen Boden stehen. Glitzernde Ringe, funkelnde Ketten und Armreifen, goldene und silberne Uhren füllen die Schaufenster und ziehen deinen Blick magisch an.

Emotional und kinästhetisch: Eine kleine Gruppe alter Männer sitzt auf niedrigen Hockern um einen Holztisch, der mit einem bunten Teppichläufer bedeckt ist. Sie reden und rauchen eine Wasserpfeife miteinander; gefüllte Teegläser stehen vor ihnen auf dem Tisch. Gewürze, Gebäck und Obst werden in den umliegenden Läden angeboten und lassen dir das Wasser im Mund zusammenlaufen: eine Garküche bietet köstlich duftendes Essen an. Du bist ganz ruhig und fühlst dich auf deinem Spaziergang wohl.

Akustisch: Am späten Abend in einer alten arabischen Stadt verebben die Geräusche eines geschäftigen Treibens; in den engen Gässchen, die den Basar durchziehen, wird es menschenleer und immer stiller – du hörst vom Meer her die Schreie der Seemöwen…

Ziele von Fantasiereisen
Mit dem Einsatz von Fantasiereisen beabsichtigt man, dass der Zuhörer sich entspannt, aufgehoben und wohl fühlt, und in dieser angenehmen, positiven Atmosphäre mit sich selbst, seinen inneren und äußeren Stärken, verbunden ist. Fantasiereisen können dazu beitragen, persönliche Fragestellungen zu klären und Problemsituationen in einer erweiterten Sichtweise erscheinen zu lassen. So wird das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl gestärkt, der Aktionsradius und die Handlungsfähigkeit erweitert. Eine Fantasiereise ist wie eine „kleine“ Hypnose: Das Alltagsbewusstsein wird verringert und die Verbindung zum Unbewussten vergrößert. Dennoch hat der Zuhörer die volle Kontrolle über die Situation und kann jederzeit entscheiden, wieder ganz wach zu werden.

Aufbau und Ablauf
Fantasiereisen sind inhaltlich einfach gestaltete Geschichten, die Erzähltexte bestehen aus kurzen Hauptsätzen, die Erzählsprache ist vage, bestimmte Begriffe sind nicht näher definiert. So hat der Zuhörer die Möglichkeit, die allgemeinen Anleitungen mit eigenen inneren Erfahrungen, Wünschen, Interpretationen und Bildern zu füllen. Sein Unterbewusstsein wird aufgefordert, sich an Erfahrungen zu erinnern, die dem Gehörten entsprechen könnten. Wird man beispielsweise angeleitet, sich ein Boot am Ufer eines Sees vorzustellen, hat jeder Zuhörer sein eigenes Boot an seinem See vor Augen, ohne dass ihm gesagt wurde, wie es beschaffen ist. Durch diese freie Wahl, diese wenig konkreten Vorgaben entwickelt der Zuhörer unter Anleitung seine ganz persönliche Fantasiereise mit ihrem unverwechselbaren Charakter und Hintergrund. Die Wortwahl des Erzähltextes einer Fantasiereise ist grundsätzlich positiv formuliert, da das Unterbewusstsein, Verneinungen bzw. das Wort ’nicht‘ nicht differenzieren kann. Beispiel: jeder denkt an grüne Elefanten, wenn er auffordert wird: Denke nicht an grüne Elefanten! Viele kleine eingebaute Pausen unterstützen die Gelegenheit, intensiver in der eigenen Vorstellungswelt zu verweilen. Häufig werden die Texte mit sanfter Entspannungsmusik untermalt oder die Musik wird nach Beendigung der Fantasiereise zur weiteren Entspannung angefügt.

Anwendungsgebiete
Fantasiereisen wirken in erster Linie aufgrund ihrer entspannenden Wirkung präventiv zur Erhaltung der Gesundheit. Zudem helfen sie, phantasie- und kreativitätsfördernd, innere Prozesse deutlicher wahrzunehmen, sich selbst über die eigenen inneren Bilder besser zu verstehen, Problemlösungen zu finden und Ziele zu formulieren und umzusetzen. Erfolgreich werden Fantasiereisen häufig in der Verhaltenstherapie und der Schmerztherapie eingesetzt.

Indikationen
Kopfschmerzen – Spannungskopfschmerz, Migräne
chronische Rückenschmerzen
Nackenschmerzen
Bluthochdruck (arterielle Hypertonie)
Magen- und Darmstörungen
Geburtsvorbereitung
Angststörungen
Flugangst
Lampenfieber bzw. Prüfungsangst
Stottern
nächtliches „Zähneknirschen“ (Bruxismus)
Schlafstörung
Stress
motorische Unruhe
hyperkinetisches Syndrom
Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom
Konzentrationsschwäche
Gedächtnisschwäche
Aggressionen

Fantasiereisen lassen die eigene Vorstellungskraft als Quelle von Fantasie und Kreativität erkennen und nutzen der persönlichen Entwicklung
Fantasiereisen …
können Flügel verleihen
sind eine Erholung für Körper, Geist und Seele
tragen dazu bei, die innere Balance wiederherzustellen
und neuen Lebensmut zu schöpfen
sind eine Kraftquelle durch die inneren Bilder, die entstehen können
ermöglichen den Zugang zu bislang ungenutzten mentalen Ressourcen
schaffen den schöpferischen Freiraum, alles zu denken, was einem einfällt
helfen neue Ziele zu entwickeln und erreichen
ermutigen Visionen zu entwerfen
ermöglichen mehrere Perspektiven einzunehmen und neue zu entdecken
helfen scheinbar Unvereinbares zusammenzufügen
ermöglichen, wünschenswerte Verhaltensweisen spielerisch in Gedanken entstehen zu lassen
und fördernde und stärkende Ideen durchzuspielen
können unterstützen, eine Persönlichkeit zu werden, die den eigenen höchsten Werten und Überzeugungen entspricht
sind Gedankenspaziergänge zu Orten der Ruhe und inneren Kraft; man spürt
die Freiheit auf dem Berggipfel
die unendliche Weite am Meer
den Einklang mit der ewigen Brandung
die Geborgenheit im sanften Kerzenlicht
eröffnen den Zugang zu den spirituellen Bewusstseinsbereichen – jenseits von Worten
aktivieren die Selbstheilungskräfte
Für wen sind Phantasiereisen geeignet?
Jeder psychisch gesunde Mensch, der bereit ist, sich entspannen zu wollen und sich aufgeschlossen auf die inneren Bilder einlassen mag, kann Phantasiereisen unbedenklich anwenden. Alleine zuhause, in der Gruppe während eines Seminars oder des Schulunterrichts, in Kindergärten und Kindertagesstätten oder bei Seniorentreffen wirken Phantasiereisen wohltuend.

Anmerkung
Eine Reise ins Innere, in die eigene Fantasiewelt kann unterschiedliche Gefühle in einem auslösen. Aufsteigende negative Gefühle z.B. zeigen das, was man als Konflikt in der Vergangenheit nicht wahrhaben wollte und verdrängt hatte; das können Ängste vor Ablehnung, Alleingelassenwerden oder Versagen sein. Über die Phantasiereise hat man mutig eine Verbindung zu diesen Konflikten hergestellt und sieht sich nun jenen Situationen ausgesetzt, die Angst, Wut oder Traurigkeit auslösen. Die inneren Bilder, die entstehen und ängstlich, wütend oder traurig machen, zeigen, dass man sich in der Lage sieht und bereit ist, sich mit dem jeweiligen Konflikt bewusst auseinander zu setzen, um ihn erfolgreich zu bearbeiten.

Kontraindikationen
Kontraindiziert sind Fantasiereisen bei Menschen …
die unter wahnhaften Zustandsbildern leiden
die Tranquilizer einnehmen
die Erkrankungen im Bereich der Atemwege haben
Bei Traumapatienten ist eine hohe Achtsamkeit geboten.
Üben
Phantasiereisen entfalten ihre ganzheitliche Wirkung dann, wenn sie regelmäßig durchgeführt werden und der Zuhörer bereit ist, sich an diese Methode der Entspannung zu gewöhnen.

Die Entstehung von Fantasiegeschichten und ihr geschichtlicher Hintergrund
Ein nachweislicher Ursprung der Fantasiereisen konnte nicht gefunden werden. Als gesichert gilt, dass der Analytiker Carl Gustav Jung seit ca. 1913 das Vorstellen von Traumbildern für die Weiterentwicklung der Persönlichkeit seiner Patienten verwendete
Verhaltenstherapeuten seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts die positive Kraft von Vorstellungsbildern vorwiegend nutzen, um Ängste und Phobien zu behandeln.

Fantasiereisen wurden einem breiteren Publikum durch ihren Einsatz in der Gestalttherapie der 60er Jahre bekannt.
Seit den 70er Jahren wurden sie zunehmend in der Pädagogik durch den amerikanischen Arzt O. Carl Simonton im Rahmen der Therapie von Krebspatienten begleitend eingesetzt.
Anwendung finden sie ebenso in der Psychotherapie mit dem „Katathymen Bilderleben“, einem tiefenpsychologisch anerkannten Verfahren, für das Hanscarl Leuner Ende der 40er Jahre erste Wirksamkeitsnachweise lieferte, und das heute als Katathym-Imaginative Psychotherapie (KIP) bekannt ist. Bei dieser Methode werden für die Therapie der Tagtraum und die Vorstellungskräfte des Patienten genutzt.

Bekannteste Autorin und Interpretin von Phantasiereisen, besonders im Zusammenhang mit dem „Autogenen Training„, ist die deutsche Diplompädagogin Else Müller.
Die Auswahl von Phantasiereisen ist groß. Man hat die Wahl zwischen verschiedenen Themen, unterschiedlicher Zeitdauer und auch unterschiedlicher Intensität.

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TEXT © Dr. Evelin Fräntzel, Gruppenleiterin für Progressive Muskelentspannung

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